Zweifacher, kalter Entzug

Burak und die Super-Nanny

„Erwarten Sie von mir kein Mitleid“, sagt die Dame vom Amt. Freundlich, fast heiter sagt sie das. Sie hat Burak, einem Bekannten von mir, den Führerschein abgenommen, und ihr unbeschwerter Ton verrät: Sie hält das für eine richtig gute Sache. Nicht nur für die übrigen Menschen, die jetzt ein wenig sicherer vor Burak leben, sondern vor allem für Burak selbst. Die Dame im Landesamt für Bürger- und Ordnungsangelegenheiten, Referat Fahrerlaubnisse, mag 50 sein, ich stelle mir ein sympathisches Gesicht vor, energischer Pagenschnitt, sie legt Wert auf Ich-bin-jung-Gebliebenheit, vermutlich spielt sie, während wir telefonieren, mit ihrer Kaffeetasse, die einen lustigen Bürospruch trägt wie, „Lächle, du kannst sie nicht alle töten“, oder „Knie nieder, hier kommt die Königin“.

Überrumpelt hat sie mich. Eine überforderte, verhärmte Sachbearbeiterin hatte ich erwartet; eine, die sich an Regularien klammert und ihre Unsicherheit durch Verhängen harter Ordnungsstrafen überspielt, wofür sie sich selbst hasst. Und die darum froh gewesen wäre, dass einer wie ich ihr Herz massiert und zu erweichen sucht, indem er den Blick auf das Gesamtschicksal Burak lenkt, den 28-jährigen Sohn meiner Lieblingsdönerbudenbesitzer, der ja ein freundlicher junger Mann ist ohne Vorstrafen, ohne einen Punkt in Flensburg, sogar ohne jemals erlangten Strafzettel wegen Raserei oder Falschparken (jedenfalls nach eigenen Angaben); der sich also noch nie etwas hat zuschulden kommen lassen, zumindest noch nicht dabei erwischt wurde – nur ein einziges Mal. Und dann gleich: Lappen weg. Was bedeutet, auch sein Job als Fahrer ist futsch, und damit eine gewisse, wenn auch bescheidene, aber immerhin: Lebensperspektive. Und das bloß, weil er ein bisschen gekifft hat.

So ungefähr hat mir Burak sein Problem geschildert, so ungefähr hatte er es wohl auch der Frau vom Amt erläutert, die daraufhin sagte, er brauche gar nicht mehr anzurufen, solche Typen wie ihn kenne sie zu Tausenden. Das fand ich hart. Überzogen. Ich versprach Burak nachzuhorchen. Sachbearbeiter haben ja durchaus Entscheidungsspielraum, manche sogar ein Herz.

Die Frau, die ich durch den Apparat ihre „Knie-nieder“-Kaffeetasse streicheln höre, hat Entscheidungsspielraum und sie hat Herz, allerdings das einer Super-Nanny. So kommt sie mir vor: wie eine erfahrene, mit sich im Reinen scheinende, pädagogisch ziemlich eindimensionale Frau, die glaubt, sie könne mit Strafen den guten Kern im Wesen schwer erziehbarer Verkehrsteilnehmer zum Leuchten bringen. Sie sagt: „Der Führerscheinentzug ist für viele ein Grund, einen Schlussstrich unter ihr bisheriges Leben zu ziehen.“

Das hätte ich nicht gedacht. Dass ein Führerscheinentzug eine solche Wirkung entfalten kann. Schlussstrich ziehen. Hmm. Für Burak vielleicht nicht die schlechteste Lösung.

Allerdings: Worunter einen Schlussstrich ziehen? Es gibt nicht viel, was Burak beenden könnte. Eigentlich hat er noch gar nicht richtig angefangen. Er hat weder einen Schulabschluss noch eine Berufsausbildung. Der Führerschein war das einzige Dokument, das bezeugte, dass er etwas gelernt hat, ja dass er überhaupt irgendetwas kann.

Er nutzte es. Frühmorgens düste er mit einem gekühlten Lkw nach Rostock, lud fangfrischen Fisch ein und lieferte ihn in Berlin an verschiedene Restaurants. Schon ein Jahr machte er das, eine gewisse Kontinuität zeichnete sich ab. Doch dann, im vergangenen Frühling, er hatte gerade eine Kiste Dorsch und Aal an einen Kreuzberger Koch überreicht, sich zurück auf den Fahrersitz geschwungen und den Wagen gestartet, da stoppten ihn zwei Polizistinnen. Sie deuteten auf den Gurt, der schlaff neben ihm an der Karosserie hing.

Burak strahlt eine gewisse Fröhlichkeit aus. Eine lange Nase und ein Jokermund bilden zusammen ein Ausrufezeichen zwischen zwei wachen Augen. Und er hat eine Stimme mit einem leicht verschnupft klingenden, warmen Timbre, mit dem er, wenn’s drauf ankommt, sehr einsichtige Sachen sagen kann. Vielleicht deshalb wollten die beiden Polizistinnen ihn weiterfahren lassen, ihn bloß ermahnen, künftig den Gurt anzulegen. Doch eilten plötzlich männliche Kollegen herbei und bestanden auf einer Blutprobe.

Burak kann bis heute nicht fassen, wie sie auf diese Idee kamen. „Sehe ich aus wie ein Kiffer?“

Der Test erbrachte ziemlich hohe THC-Werte.

Burak ist ein Kiffer, und dass er vorher noch nicht erwischt wurde, war reines Glück.

Burak sieht das anders: Alles lief rund, bis ihn die Ungerechtigkeit in Gestalt zweier übereifriger Bullen und einer überspannten Ordnungsamt-Tussi aus der Bahn warf.

Tatsächlich ist das Amt mit einer ungeheuren Wucht in sein Leben getreten. Ich frage mich, ob das angemessen ist. Erst hat die Nanny ihm das Autofahren verboten, jetzt macht sie ihm auch seine zweite Lieblingsbeschäftigung madig: Kiffen. Wenn er damit aufhöre, lockt sie, bestehe die Chance, dass er den Führerschein wiederbekomme, Bedingung: ein Drogenkontrollprogramm. Er müsste sechs bis zwölf Monate regelmäßig unter ärztlicher Aufsicht Blut und Urin abzapfen und untersuchen lassen, bis feststeht, er ist dauerhaft clean.

THC-Stoffwechselprodukte lassen sich noch viele Wochen nach dem letzten Joint im Urin nachweisen. Wer sich für ein Drogenkontrollprogramm anmeldet, um seinen Führerschein wiederzubekommen, muss sich darum in völliger Abstinenz üben, mindestens ein halbes Jahr lang. Dabei ist Kiffen gesetzlich nicht verboten. Das Amt, so kommt es mir vor, greift ein bisschen in die private Genussorientierung ein. Und zwar ein bisschen autoritär. Und nicht minder brutal. Es probt den zweifachen, kalten Entzug: erst der Führerschein, mit ihm als Hebel anschließend die Drogen. Wie die Klienten diesen Eingriff in ihr Leben wirtschaftlich und psychisch hinkriegen, müssen sie selbst sehen, eine begleitende Therapie gibt es nicht. Eine Perspektive auch nicht wirklich. Und das Umfeld, Freunde und Bekannte, verhält sich selten hilfreich.

„Das schaffst du nie“, brüllt Achmed von seinem Barhocker im „Mirac“-Imbiss. Burak vertritt dort seine Eltern. Achmed und ein Freund leisten ihm Gesellschaft, diskutieren Buraks Marihuanasucht und seine gesellschaftlichen Aufstiegschancen, die sie auf einer Skala von 1 bis 10 mit ungefähr Null bewerten. Burak steht vor einer Reihe aufgespießter Hähnchen, fuchtelt mit der Salatzange, lacht und brüllt zurück: „Klar schaffe ich das.“

„Wenn du bis August deinen Führerschein wieder hast“, sagt Achmed, „kriegst du von mir 1000 Euro.“ Er ist ein beleibter Mann mit schönen, klugen Augen. Als Kind ist er mit seinen Eltern aus dem Libanon geflüchtet. Er pflegt seine Mutter, der Granatsplitter derart die Beine zerfetzten, dass eine Ärztin, die sie kürzlich begutachtete, anfing zu weinen. Ich halte Achmed nicht für ein oberflächliches Großmaul. Wenn er Burak 1000 Euro verspricht, dann will er ihn ernsthaft motivieren – oder demütigen. Achmed deutet auf seinen Freund, dann auf mich. „Hier sitzen zwei Männer mit richtigen Eiern in der Hose“, sagt er, „die können bezeugen, was ich gesagt habe.“ Ich fühle mich geschmeichelt. Buraks Gesicht bekommt einen verträumten Ausdruck, ganz ohne Drogen.

Er schiebt nur selten Dienst im Imbiss seiner Eltern, obwohl die durchaus Entlastung bräuchten. An sechs bis sieben Tagen die Woche arbeiten sie bis zu 14 Stunden. Sie wünschen sich sehnlich, dass ihr Sohn nicht länger müßig durchs Viertel spaziert, sondern endlich Geld verdient, was auf die Beine stellt. Manchmal versuchen sie ihm zu helfen – und es geht schief.

Vor zwei Jahren hatten sie einen Spätverkauf für ihn angemietet. Ein Onkel hatte ihnen den Laden in der Residenzstraße angeboten. Buraks Eltern sahen eine Chance, den Jungen von der Straße zu holen, und zahlten drei Monatsmieten im Voraus. Burak setzte sich hinter den Tresen und wartete auf Kundschaft, statt derer erschienen sein Cousin und ein Kumpel. Sie wollten den Laden wieder haben, erklärten sie, sie seien zuerst hier drin gewesen. Burak hatte nichts dagegen, er hing nicht an dem Job, allerdings verlangten die beiden zusätzlich 5400 Euro. Burak fragte, wieso und wofür. Die beiden sagten, Geld her, sonst Haue.

Der Cousin gilt als gewaltbereit, er fackelt nicht lange. Gerne hätte Burak darum dessen Vater eingeschaltet, der der Onkel ist, der den Laden vermittelte. Doch saß dieser Onkel mittlerweile im Knast, weil er in dem Späti Drogengeschäfte abgewickelt hatte, bei denen es offenbar zu Unstimmigkeiten gekommen war. Ein kleinkalibriges Loch in der Schaufensterscheibe kündete davon.

Irgendwie kam Burak aus der Nummer wieder heraus, aber insgesamt fällt auf: Es läuft nicht rund. Die Idee „Schlussstrich ziehen“ hat darum einen gewissen Reiz. Das sei nicht einfach, hat die Nanny eingeräumt, wer aufhöre zu kiffen, bei dem müsse auch etwas im Hinterstübchen passieren. Als ich Burak davon erzähle, nickt er nachdenklich, als gefalle ihm dieser ganzheitliche Ansatz.

Doch was soll im Hinterstübchen geschehen? Soll er fegen, aufräumen, neu einrichten? Burak hat keine Ahnung, wie ein erfolgversprechendes Hinterstübchen aussieht. Welche Gedanken, Ideen, Gefühle soll er rausschmeißen, welche sind es wert, ins Licht gerückt zu werden? Wie findet er den Weg zum Fenster, wie kriegt er es auf und eine neue, frische Sicht? Und worauf eigentlich?

Seltsam, darüber haben wir noch nie gesprochen, muss ich ihn mal fragen: Burak, hast du einen Traum? Was würdest du eigentlich gerne werden? (Darf man das einen 28-Jährigen fragen?)

Die 1000-Euro-das-schaffst-du-nie-Runde fand kurz vor Weihnachten statt. Im Januar treffe ich Burak wieder, er berichtet von einer neuen Lebenserfahrung: Seit zwei Wochen kiffe er nicht mehr und genieße es, morgens leicht und mit klarem Kopf aus dem Bett zu kommen. Plus: Er wolle seinen Hauptschulabschluss nachholen.

Einen Monat darauf, wieder im Mirac. Die Eltern stehen hinterm Tresen, ich schlemme selbstgebratene Kartoffeln mit Pepperoni, Bohnen und Hühnchen, es ist 14 Uhr, Burak stolpert herein. Er sei gerade aufgestanden. Jokergrinsen. Wie sieht´s mit dem Drogenkontrollprogramm aus? Äh ja, damit wolle er noch ein bisschen warten, da seien bestimmt noch THC-Reste im Blut. Das Gesicht seiner Mutter, sonst rund und freundlich, wirkt von Sorgen verengt. Auf Buraks Stirn klebt Schweiß.

Mir wird mulmig. Ich muss aufpassen, dass ich nicht selbst zum Kontrollprogramm werde. Ich bin nicht der Wächter von Buraks Hinterstübchen. Ich will nicht weiter nachhaken. Ich werde mich überraschen lassen.

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