„Wenn ich noch jung wär…“

Meiner Nachbarin, die kürzlich todtraurig das Schlimmste befürchtete, weil „die Asylanten kommen“, geht es anscheinend wieder besser. Traf sie auf dem Gehweg. Ungeachtet ihres Rentenalters tänzelte sie unter ihrer schwarzen Strickmütze vergnügt um mich herum, während sie über den Lauf der Zeit im Viertel sinnierte. Ihre Gedanken zeigten dabei ebenfalls Schwung. Sie startete mit:

„Wenn ich jung wäre, würde ich ja weg von hier.“
„Wieso?“
„Ist alles nicht mehr so wie früher.“ Die Hausgemeinschaft sei seinerzeit besser gewesen, die Mieter im ähnlichen Alter. Haben sie denn etwas zusammen unternommen, vielleicht Hoffeste? „Nein!“ Sie guckt entrüstet. „Die Leute wollten ihre Ruhe haben.“

Dann kippt ihre Erinnerung merkwürdig um ins Negative. Kinder hätten im Hof nicht spielen dürfen, obwohl da ein Spielplatz ist, aber die Nachbarn hätten sich wegen des Krachs beschwert, die wollten noch nicht mal, dass man sich da im Sommer mal kurz auf die Wiese legt, obwohl das ja gar keinen Krach macht, aber die mit dem Balkon nach hinten raus hatten wohl was dagegen.

Sie guckt die Straße entlang und plötzlich klart die Gegenwart auf. Von den Flüchtlingen kriege man ja nichts mit, sagt sie, sei eigentlich friedlich hier, Polizei war jedenfalls noch nicht da. Immer noch tänzelt sie umher, gestikuliert, breitet die Arme aus. Was auch immer sie tun würde, wenn sie jünger wäre – sie scheint mir fit für dieses Viertel.

„Einige Flüchtlinge habe ich kennengelernt“, sage ich, „die finde ich freundlich.“ Sie greift mit schwarzen Wollfäustlingen nach ihrer Nase. „Ja ja, man soll sich immer erst an die eigene Nase fassen.“ Sie versucht zu lachen. Eine Träne löst sich aus ihrem Augenwinkel und kullert über die Wange. Es ist beißend kalt.

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