Warum dieser Blog?

An einem Samstagmorgen im September 2014 hält in meiner Nachbarschaft ein Lkw vom Roten Kreuz. Helfer schleppen Matratzen in eine leerstehende Schule. Wagen mit Betten treffen ein. Es ist das Wochenende, an dem der Senat Gebäude im Wedding beschlagnahmt, um die wachsende Zahl an Flüchtlingen aus Syrien und Irak unterzubringen. Die Aktion rührt Gemüter auf.

Ein knappes Jahr zuvor war ich hierhergezogen. Ich sägte noch an meinem Regal, da lernte ich ungewöhnliche Menschen kennen: einen Hausmeister, der hilft; ein Dönerbudenpaar, das selbst kocht; eine Künstlerin, die fürchtet, das Viertel zu ruinieren; meinen Nachbarn, den Wikinger. Sie begannen, mir Geschichten zu erzählen. Ich war fasziniert. Stellte mir vor, sie würden sich diese Geschichten untereinander erzählen. Was würde passieren, wenn sie offen aufeinander zugingen, mehr von sich preisgäben?

An jenem Septembertag, als das Rote Kreuz Matratzen auslud, begannen sie damit. Das ältere Ehepaar, das immer Hand in Hand Einkaufen geht, kommt mir entgegen; die Frau guckt traurig, der Mann starrt mich entgeistert an: „Die Asylanten kommen.“ Auf dem Gehweg bilden sich Menschentrauben. Nachbarn, die sich nur vom Grüßen kennen, reden plötzlich über ihre Ängste, über die Zukunft. Die Polizei werde nun Dauergast, Messerstechereien seien zu erwarten, Einbrüche, die Haustür müsse ab sofort verschlossen werden.

Es gibt auch Leute, die sagen, na ja, wollen wir mal abwarten. Einer sagt: „Ist doch aufregend, die Welt kommt zu uns.“

Das tut sie wohl, und schon seit Jahrzehnten. Rund 170000 Menschen aus mehreren Dutzend Nationen leben mittlerweile in Wedding und Gesundbrunnen. Slawische, afrikanische, skandinavische, südeuropäische, arabische und deutsche Gesprächsfetzen flattern durch die Straßen. Sie stammen von Armen und Reichen, mehr oder weniger Gebildeten, unterschiedlich Glaubenden. Jeder denkt anders, jeder hat eine eigene Sicht auf das Leben. Und doch, was uns alle eint: Wir werden getrieben von denselben menschlichen Regungen – von Liebe und der Sehnsucht danach, von Gewalt und Leid, Verzweiflung, Glück und Gestaltungswillen. Davon will ich erzählen. In unregelmäßigen Abständen veröffentliche ich Miniaturen aus dem Zipfel einer plötzlich gewordenen Weltstadt, kleine Begebenheiten mit Menschen, die meist nicht gewohnt sind, dass man sie beleuchtet. Ich tauche sie für ein paar Minuten ins Licht. Ob das etwas bringt, weiß ich nicht. Muss vielleicht auch nicht. Ich tu’s einfach mal.

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