Liebe im Strudel der Städte

Fünf, sechs Feuerwehrleute stehen in voller Montur auf der schmalen Pankebrücke und gucken mehr oder weniger gelangweilt in verschiedene Richtungen. Zwei lehnen am Geländer, ein besonders Stämmiger beobachtet das Flüsschen darunter. Was hier los sei, frage ich. Der Stämmige: „Wir dürfen über unsere Einsätze nicht reden.“

So beginnt ein Tag, der mich auf Umwegen in die Londoner U-Bahn und schließlich nach Belgrad führt.

Der Stämmige betrachtet im flachen Wasser einen schwarzen Rucksack, von der Strömung umspült, daneben schimmern glasig vom sandigen Grund eine Geldkarte und ein Bibliotheksausweis. Einer der Feuerwehrmänner trägt Anglerhosen. Sind die hier, um den Rucksack zu retten?

Unvermittelt beginnt ein junger Mann zu erzählen, der etwas abseits steht. Seine Augen sind weit aufgerissen, als stünde er unter Schock. Sein Rucksack sei gestern gestohlen worden, sagt er, er habe ihn im vorderen Raum der Galerie abgestellt, in der er gerade Bilder für eine Ausstellung hänge, er sei kurz nach hinten gegangen und als er zurückkehrte, war der Rucksack weg. Heute morgen habe ihn ein Freund angerufen, der in der Panke einen herrenlosen Rucksack entdeckt hatte und glaubte, es könne seiner sein. Und tatsächlich, es ist seiner.

Was für eine Ausstellung? Fotos, sagt er, seine Fotos, heute Abend ist die Eröffnung, in der Galerie „Made in Wedding“, Koloniestraße, wenn ich Lust habe, könne ich ja kommen. Seine Name: Benjamin Renter.

Ich mag es, wenn ein Mensch, der vertrauenswürdig scheint, mir die Hand reicht, mich in eine Gegend führt, die ich nicht kenne. Ich folge solchen Hinweisen mit einer Lust, die man für den Glauben an einen Wink des Schicksals halten könnte. Vielleicht bin ich aber nur froh, wenn ich nicht lange grübeln muss, was ich als Nächstes tun will.

Am Abend bei der Ausstellungseröffnung sagt Benjamin, er fotografiere, wie wir auf Wege gelenkt werden, ohne dass wir es merken.

Ein Foto zeigt vier ältere Damen mit Einkaufstaschen, die über einen Zebrastreifen gehen. Sie schauen sich nicht an, haben anscheinend nichts miteinander zu tun, doch gehen sie in genau gleichen Abständen hintereinander, seitlich versetzt, als folgten sie einer geheimen Choreografie. In einem betonverwüsteten Urlaubsort an der Costa Blanca sitzen als einzige Menschenseelen weit und breit zwei Paare auf Bänken, und es scheint nur einen einzigen Grund zu geben, sich in dieser Gegend aufzuhalten: die Bänke, die jemand in den Zement geschraubt hat.

Benjamins Augen waren nicht nur auf der Pankebrücke weit aufgerissen, sie sind es immer. Als stünde nichts, kein Filter, keine Distanz, kein Sicherheitsabstand zwischen ihm und der Welt. Und als würde das, was er sieht und fotografiert, während er sich auf verschiedenen Kontinenten durch die Straßen treiben lässt, als würde ihn das erschrecken: Menschen, die sich durch Mauern, Bordsteine, Straßenschluchten, Schilder, Geländer, Fassaden einschränken lassen. Die Steinen und Regeln gehorchen. Die durch die Städte laufen wie Rädchen in einer „Architekturmaschine“.

Benjamin findet, Architektur zwinge uns Wege auf. Sie entmündige.

Hm. Und wenn es umgekehrt wäre? Vielleicht schaffen erst vorgeschriebene Wege und Begrenzungen Freiräume für unvorhergesehene Begegnungen. Gäbe es zum Beispiel die Pankebrücke nicht, hätte der Rucksackdieb nicht hinüberlaufen können, wären Benjamin und die Feuerwehrleute (waren sie wirklich nur wegen des Rucksacks da?) nicht gekommen, wäre ich ihnen nicht begegnet und in dieser Ausstellung gelandet, die mir gut gefällt.

Auf meinem Lieblingsbild strömen Dutzende Menschen in einen Londoner U-Bahnschacht. Rechts und links vom Geländer stehen wie Einweiser Zeitungsverkäufer, die Nachrichten in die Menge reichen. Es ist Morgen, die Menschen gehen zur Arbeit, die meisten Köpfe sind gesenkt. Aber sie sehen nicht aus wie Maschinenteile. Die Gesichter sind konzentriert, man kann in ihnen lesen, darin zirkulieren Kosmen voller Sorgen und Ideen, Ängste und Erwartungen.

In der Mitte der Menge führt eine junge Frau über eine Freisprechanlage ein Telefongespräch. Sie gestikuliert, es scheint, als würde sie die Menschen hinab in den Untergrund dirigieren. Ihre Handflächen sind dabei der Brust zugewandt, die Finger gespreizt, die Sehnen in ihrem Handrücken spannen sich, als würde sie so die Kraft finden, einen Gedanken auszudrücken, der ihr am Herzen liegt.

Vielleicht ist es gar nicht so wichtig, ob man in eine Richtung aus vermeintlich eigenem Willen läuft oder fremdgesteuert. So wie es oft unklar ist, ob man einen Weg sucht, oder ob die Wege einen finden, ob man von unsichtbaren Fäden wie eine Marionette gezogen wird, oder ob man einem Faden folgt. Vielleicht kommt es nur darauf an, wie wir die Luft zwischen den Mauern mit Leben füllen. Und wem wir unterwegs begegnen.

So wie es Benjamin Renter in Belgrad geschehen ist. Etwas Unwiderstehliches, eine Art Strudel zog den Fotografen zwischen die Mauern der serbischen Hauptstadt. Neunmal ist er dorthin gereist, in die Stadt, die einen Krieg hinter sich hat und nichts verpassen will. „Die Menschen arbeiten hart, sie sind kommunikativ, sie erzählen Geschichten“, sagt er. „Belgrad ist laut, die Stadt macht süchtig.“ Irgendwann lernte er Saskia kennen. Sie studierte, jobbte nebenbei in Hostels und Klamottenläden, arbeitete ohne zu jammern elf Stunden am Tag und fand außerdem Zeit für ihre Freunde. Benjamin hatte das Gefühl, angekommen zu sein; im Zentrum des Strudels. Er verliebte sich.

Vor kurzem gingen sie zum Standesamt und unterschrieben, dass sie von nun an gemeinsame Wege gehen wollen. Im Wedding, entlang der Panke, und von hier aus, auf welchen verschlungenen oder ausgetretenen oder beschränkten Pfaden auch immer, in den Rest der Welt.

Benjamins Fotos sind zu sehen auf: www.renterphoto.de.

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