Engelstrompeten und Gerechtigkeit

Mein Nachbar Dirk macht sich Sorgen, dass er aus Versehen den Hund im Erdgeschoss vergiften könnte. Er kommt gerade vom Einkauf bei Penny, den Hackenporsche im Schlepptau. Er ist 60. Auf dem Kopf trägt er ein Gebüsch roter, drahtiger Haare, aus dem ein Paar blauer Augen hervorlugen. Erinnert ein bisschen an Rübezahl. Mit gerunzelter Stirn blickt er hinauf zu seinem Balkon, wo hochaufgereckt Engelstrompeten stehen und aus trichtergroßen Blüten ihren süßlichen Mandelduft über den Wedding posaunen. Er liebe den Duft, sagt er. Problem sei nur: Die Blüten sind giftig.

Ab und zu fällt eine runter. Der Schäferhund von unten spielt damit, schüttelt sie in seiner Schnauze, wirft sie weg, holt sie wieder. Was ist, wenn der sich durch seine, Dirks, Blüten vergifte? Dirk denkt über eine Netzkonstruktion nach, mit der er das fallende Gift auffangen kann.

Eine Gruppe aufgekratzter Jungen stürmt vorbei, Zehn- oder Elfjährige. Der Hund lehnt an der Balkonbrüstung und bellt. Die Jungs rufen „huuh!“, Dirk guckt missmutig. „Das muss doch nicht sein.“ Er meint die Kinder. Findet es nicht gut, dass sie ein unschuldiges Tier erschrecken. Man solle niemanden ärgern, sagt er.

War er in seiner Kindheit nicht auch übermütig, hat er nicht Klingelstreiche gespielt oder so? „Nein.“ Nie etwas kaputtgemacht? Nein, er sei so erzogen worden, dass Dinge etwas wert sind. Und geprügelt? Hat er sich nie geprügelt? Seine großen Augen schauen mich an. „Doooch. Hab dafür auch im Bau gesessen.“

Und dann erfahre ich, wer Rübezahl mal war. Oder immer noch ist? Zweieinhalb Jahre hat er wegen Körperverletzung gesessen. Er war Rocker. In keinem Club, nicht bei den Hells Angels oder so – die Vereinsmeierei mit Statuten und Präsidenten wählen war nicht sein Ding. Er wollte frei sein. Von solchen freischaffenden Rockern gab es einige, oft sind sie gemeinsam nach Skandinavien gedonnert, 15 Mann und mehr, Dirk auf seiner 900er BMW, später auf einer 1100er Honda Goldwing. In der rauen Natur des großen, weiten Nordens haben sie sich wohl gefühlt.

Zuhause, im steinigen Westberlin, war es enger. Da trat man sich schon mal auf die Füße.

Aber er habe sich nur mit Rockern geschlagen, nie mit Unbeteiligten, und es ging „nie um Larifari“. Worum ging es? „Um Gerechtigkeit.“ Wie sah der Mensch aus nach der Schlägerei, wegen der er eingebuchtet wurde? „Na ja, ich bin Ringer, Boxer, Gewichtheber  – und Metzger. Kannste dir vorstellen, wie der aussah.“ Ich sende Fragezeichen. „Der war Matsche.“ Mir rauscht ein Bild durch den Kopf: Rübezahl hinter der Theke beim Bearbeiten von Frischfleisch. Anschließend mache ich mir Sorgen um den Fortbestand unserer bisher herzlichen Nachbarschaft. Ich frage: Hat der Typ bleibende Schäden davongetragen? „Nee.“ Der habe auch gewusst, warum er sich was einfing. „Ich war im Recht. Jedenfalls aus damaliger Sicht.“

Später hat er noch ein Jahr wegen Meineids gesessen, weil er einen Rockerkumpel nicht verpfeifen wollte. Damals hätten sie ja noch alles untereinander geregelt, da habe man sich vertraut, ein Wort und ein Handschlag genügten. Heute würde man alles mit Anwälten und Verträgen regeln – findet er schwierig. Dann verschwindet er mit seinem karierten Einkaufsroller im Treppenhaus, schleppt ihn mit seiner lädierten Hüfte nach oben und überlegt, wie er die Engelstrompeten mit einem Sicherheitsnetz auffangen könnte.

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