Die gute Tat

Die Tür zum Fahrerstand steht offen, ich lehne im Rahmen, vor mir der breite Umriss des Zugführerrückens, links in der Ecke lehnt müde die Schaffnerin. Über den Gleisen und um sie herum dämmert die Uckermark. Heidekrautbahnfeeling. „Haben Sie den anderen Zugführer erreicht?“, frage ich. In etwa zehn Minuten sollen wir einen Bahnhof erreichen, wo ein Zug entgegenkommt, der uns als letzte Möglichkeit an diesem Abend nach Hause, Richtung Gesundbrunnen bringen kann. Er müsse allerdings dem Kollegen Bescheid geben, hat der Zugführer gesagt, damit er wartet.

„Der ist kein Zugführer, sondern Lokführer“, sagt der Zugführer.
„Aha. Dann sind Sie also auch kein Zugführer, sondern Lokführer?“
„Genau. Zugführer“, sagt der Lokführer und schaut zur Schaffnerin hinüber, „ist sie. Das heißt“, er wirft der Schaffnerin einen zweiten Blick zu und klingt plötzlich verlegen: „Eigentlich bin ich auch der Zugführer.“ Hinter der Schaffnerin hängt riesig der Mond. Aus dem fahlen Halbdunkel tönt leise ihre Stimme: „Ich bin nichts.“

Als die blutorange Sonne vorhin genau gegenüber dem prallen Mond unterging, standen der Freund und ich dazwischen, mit unseren Rädern, auf einer Weide in einem sanft geschwungenen Tal an einem Entwässerungskanal vor einer kaputten Schleuse, und picknickten. Wir hatten uns verfahren, doch wir waren vergnügt. Jetzt fahren wir in die falsche Richtung und sind immer noch vergnügt. Was die Schaffnerin sagt, klingt nicht vergnügt. „Das glaube ich nicht“, sage ich. „So wirken Sie nicht.“ Wir halten an einer Station, doch sie rührt sich nicht.

„Was ist eigentlich mit der B.?“ fragt sie. „Ist sie noch krank?“
„Die ist nicht krank“, sagt der Lokführer. „Die hat `ne Meise. Und faul ist sie auch.“
„Sie wurde gemobbt.“

Manchmal gerät man durch Zufall für Augenblicke in eine fremde Welt. Eine Tür geht auf, und es schlägt einem ein Gewirr von Schmerz, Witz und Gewalt entgegen.

„Quatsch“, sagt der Lokführer, „die hat sich immer vor dem Weihnachtsdienst gedrückt. Hat immer schön die anderen arbeiten lassen. Macht dann ein halbes Jahr krank und als sie zurückkommt, sagt sie: ‚So, jetzt müssen wir hier mal Ordnung machen.‘ Die hat die anderen gemobbt.“
„Haben Sie schon den anderen Lokführer erreicht?“, frage ich.
„Die Verbindung ist schlecht“, sagt er.

„Sie wird immer dicker“, sagt die Schaffnerin.
„Dicker geht nicht.“

„Ja?“, meldet sich krächzend eine Stimme.
„Ich habe hier zwei Leute für dich mit Rädern“, sagt der Lokführer. „Ich übergebe sie dir in Tantow.“ Ich bedanke mich herzlich für seinen Einsatz. „Sowas machen wir jeden Tag“, brummt er. „Merkt nur keiner.“ Die Schaffnerin lächelt. „Deine gute Tat für heute.“

Im Tantow entsteigt der Lokführer der Kanzel, wir stolpern hinterher über Schotter und Schwellen, die Räder auf den Schultern, folgen seinem stämmigen Nacken überm Dienstpullunder durch den gelben Lichtkegel der Lokscheinwerfer. Gegenüber wartet bereits der Zug Richtung Gesundbrunnen, wir laufen um das Hinterteil, erklimmen den Bahnsteig, geschafft. Zum Abschied wollen wir dem Paar zuwinken, doch sie sind bereits verschwunden, hinter Scheiben, die das Licht unseres Waggons spiegeln. Rollend entfernen wir uns von den Entgleisungen einer fahrplanorientierten Welt.

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