Der Hauswartssohn

Er nimmt die Finger zu Hilfe, um das Ausmaß der Aufgabe zu verdeutlichen, zählt ab: „Vorderhaus, Seitenflügel, Quergebäude. Mein Bruder und ich mussten immer durch die Treppenhäuser, und die Rollos vor den Fenstern runterlassen, wenn Fliegeralarm war.“

Der alte Mann sitzt beim Bäcker in der Prinzenallee. Schlägermütze, darunter vereinzelte weiße Bartstoppeln, darunter eine verblichene blaue Windjacke, davor ein Glas Tee. Seit einer halben Stunde stiert er aus kleinen Augen stumm vor sich hin. Plötzlich fragt er: „Wie spät ist es?“ „Kurz vor vier“, schätze ich. Er guckt auf seine Armbanduhr: „sieben vor vier“, er springt auf, „stimmt das?“, läuft durch den Raum, bis er eine Uhr an der Wand einsehen kann, „zwei vor vier“, liest er ab, „nein, drei vor vier.“ Er lächelt, „die Uhr hier geht ein bisschen anders“. Wirft noch einen vergleichenden Blick auf seine Uhr, setzt sich wieder, streift seinen Ärmel hoch, streckt mir sein Handgelenk entgegen, „hier, sieben vor vier, nein, sechs vor vier“.

Kurz darauf erzählt er seine Geschichte: „Vorderhaus, Seitenflügel, Quergebäude…“ 1944 war das, zehn Jahre war er alt, gerade in der Hitlerjugend, musste man ja. Der Vater hat die Rollos angebracht. Wenn alle Treppenhäuser verdunkelt waren, sind sie zum Flakturm im Humboldthain gerannt, oder zu den Erdbunkern am U-Bahnhof Gesundbrunnen.

Wieder stiert er vor sich hin. Ihm fällt ein, dass er eine Lebensgefährtin im Vogtland hat. Warum ist er jetzt nicht dort? Er guckt verständnislos. Oder sie hier bei ihm? Manchmal fahre er hin, sagt er, bleibe drei, vier Wochen, manchmal komme sie hierher. Er berichtet das teilnahmslos, als sei eine Pendelbeziehung zwischen Achtzigjährigen das Normalste von der Welt. Im selben Ton sagt er, dass er jeden Nachmittag hier beim Bäcker sitze, ab ungefähr drei, halb vier. Alleine. Bis er „fertig ist“. Fertig? Mit dem Tee, bis er ihn ausgetrunken hat. Anscheinend folgt er dabei einem Zeitplan, gefüllt vor allem mit der Überprüfung desselben. Überfallartige, nichtsdestoweniger mit gewissenhaftem Ernst durchgeführte Kontrollen des Nichtstuns, des Abwartens – bis zu einem weiteren Schluck. Zwei Drittel des Tees hat er noch vor sich. „Besser als zu Hause sitzen.“

Dann zerrt er einen Leinenbeutel hervor. Mit einem Mal wirkt er wie aufgeputscht. Klaubt eine Riesentüte schokolasierter Kekse heraus, eine Tafel Schokolade und ein großes Bündel Bananen. „Hahahaaa“, lacht er quietschend, „Schokolade und Bananen, habe ich eben eingekauft.“ Diebische Freude, glitzernde Augen. Manche Männer bleiben ein Leben lang Kind.

Vielleicht deshalb bleiben die 70 Jahre nach dem Krieg dunkel. Obwohl, „dunkel“ ist das falsche Wort, es würde etwas hineingeheimnissen. Er habe an der Müllerstraße in einem Keller im Lager gearbeitet, Fischkonserven in Kisten gepackt; jaja, ziemlich lange. Es tut weh, das zu denken, aber es wirkt, als komme ihm sein Leben belanglos vor, blass, wie „kannst du vergessen“. Einzig eine Episode treibt ihn um, sie wiederholt er vier, fünf Mal an diesem Nachmittag. Der Refrain seines Lebens. Der alte Mann tippt gegen Daumen, Zeigefinger, Mittelfinger: „Vorderhaus, Seitenflügel, Quergebäude. Mein Bruder und ich sind durch die Treppenhäuser gerannt und haben die Rollos runtergelassen. Mussten wir, mein Vater war ja der Hauswart.“

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