Kategorie-Archiv: Allgemein

Hinterm Schutzwall

Wie das Mädchen La’iqa* die Flucht aus Damaskus erlebte

Bassam* wischt über die gesprungene Scheibe und ein Boot taucht auf. Vielleicht 25 Meter lang, sechs Meter breit, anderthalb Decks. Er wischt noch einmal über sein angeschlagenes Handy, und nun erscheint eine Familie, die sich zum Erinnerungsfoto auf dem unteren Deck postiert hat. Die Mutter und die drei Kinder gucken recht entspannt, man könnte sie für eine urlaubende Familie auf einem Bootsausflug halten – wenn nicht hinter ihnen ein hohlwangiger, halb wahnsinnig stierender Mann stünde. Es ist der Vater, Bassam. Das Bild ist nur drei Monate alt, doch man erkennt ihn kaum wieder, die Sorge steht ihm ins Gesicht geschrieben. Er weiß, seiner Familie steht kein beschaulicher Ausflug bevor, sondern der gefährlichste Teil der Flucht: die Fahrt übers Mittelmeer. Er sollte recht behalten.

Eine Woche zuvor und 1200 Kilometer entfernt war die älteste Tochter, La’iqa, noch zur Schule gegangen. Nicht mehr mit den Freundinnen, mit denen sie sonst unterwegs plapperte, scherzte und lachte – die trauten sich nicht mehr. Das zwölfjährige, zierliche Mädchen mit den schwarzen, geflochtenen Zöpfen ging den fünfminütigen Weg allein. Durch Staub, Trümmer, Häuser ohne Fassaden. Immer öfter rasten Flugzeuge heran und warfen in der Nähe Bomben ab. Doch sie wollte lernen. Am liebsten Algebra und Geometrie.

Sie wohnten in einem Vorort von Damaskus, Al-Hajar al-Aswad. Der Name gefällt La’iqa, er bedeutet Schwarzer Stein – wie der Kultstein in Mekka, den alle Pilger berühren wollen. Als Zweijährige kam sie hierher, ihre Eltern waren aus Palästina geflohen, wo israelische Soldaten auf Steine werfende Jugendliche schossen. Der Vater sorgte sich um seine junge Familie, drei seiner Brüder wollten ebenfalls weg, und so zogen sie ins Nachbarland an den Rand der syrischen Hauptstadt. Bassam fand Arbeit als Taxifahrer und baute mit den Brüdern ein dreistöckiges Haus, in dem sie gemeinsam wohnten.

Die Bomber kamen näher, die Schüsse auch. An einem Vormittag ging La’iqa nicht zur Schule. Stattdessen rannte die Familie in den Keller eines gegenüberliegenden Gebäudes. Sie hörten das Flugzeug, das Sirren, das Krachen. Sie spürten den Druck, die Kellerwände schienen zu beben. Als sie ans Licht zurückkehrten, lag ihr Haus in Trümmern.

Zehn Jahre nach der Flucht aus Palästina beschloss der Vater ein zweites Mal, seine Familie in Sicherheit zu bringen. Bei Freunden und Verwandten lieh er sich Geld, viel Geld, tauschte es in Dollarscheine. Die Mutter nähte sie ins Futter von Jacken und Mänteln; La’iqas Ärmel waren plötzlich mehrere Tausend Dollar schwer.

An die Fahrt im Mini-Bus kann sie sich kaum erinnern. Sie träumte sich weg von dem, was sie gesehen hatte. Bilder wie Schläge: schießende, durch die Straßen rennende Männer, blutende Verletzte, Leichen. Ihr Gehirn baute einen Schutzwall aus Watte, hinter dem sie sich entsetzt zurückzog wie in einen Kokon. Halb bewusstlos erlebte sie die Fahrt nach Jordanien, zu einem Camp bei Amman, wo der Vater versuchte, die Kälte nachts mit einem Lagerfeuer zu vertreiben, dessen Rauch La’iqa ins Gesicht wehte, die ohnehin schwer Luft bekam. Die Angst umklammerte ihre Brust, sie hatte Schmerzen und ihr war schwindelig.

Meistens schlief sie. Sie bekam kaum mit, wie sie über den Golf von Aqaba auf die Sinai-Halbinsel setzten und weiterfuhren nach Alexandria, wo sie stundenlang Schleifen durch die Stadt drehten, bis sie schließlich an einem abgelegenen Hafen ausstiegen. Noch am selben Tag würden sie in See stechen, versprach der Kapitän. Bald in Sicherheit! Ihnen war ein bisschen feierlich zumute, und so ließen sie das Erinnerungsfoto machen. Darauf ist außer ihnen niemand sonst an Deck zu sehen. Doch das sollte sich ändern. Vier Tage steckten sie im Hafen. Nur nachts durften sie an Land. Das Telefon des Kapitäns klingelte fortwährend und kündigte weitere Passagiere an. Am Ende quetschen sich 520 Menschen an Bord.

Zwei Wochen verbrachten sie auf See. Es waren sonnige, warme Septembertage, kaum Wind, die Nächte klar. An den Stränden rund ums Mittelmeer genossen Menschen romantische Abende unterm Sternenhimmel. Auf dem Boot weinten und schrieen Frauen und Kinder. Der Kapitän fuhr kreuz und quer und im Kreis, immer wieder bekam er über Funk Anweisung, Patrouillenbooten der europäischen Grenzpolizei Frontex auszuweichen. Die Menschen hockten dicht an dicht, La’iqa konnte die Beine nicht ausstrecken. Es gab eine Toilette, keine Waschmöglichkeit. Sie fühlte sich schmutzig, sie hatte Angst. Die schmatzenden Wellen, die dunkle Tiefe, endlos viel Wasser, kein Ziel in Sicht. Warum durften sie nicht an Land? Sie verstand das alles nicht, sie versuchte, nicht zu weinen. Die Eltern versuchten, sie zu trösten.

Feigen, Äpfel und Wasser hatten sie eingepackt, doch nach neun Tagen gingen die Vorräte aus. Andere teilten mit ihnen. Am vierzehnten Tag schlug das überladene Boot Leck. Wasser strömte ein, die Maschinen fielen aus. Mit den Füßen standen sie bereits im Wasser, da nahte ein britisches Schiff. Die Rettung. Es holte sie an Bord und brachte sie in einen sizilianischen Hafen.

Von Catania schlug sich die Familie nach Norditalien durch. 2500 Dollar hatte Bassam Schleusern für die Fahrt nach Alexandria bezahlt, 6000 für die Reise übers Meer. Auf einem Campingplatz in Mailand gab er zwei Männern weitere 1500 Dollar für die Fahrt über die Alpen nach Berlin.

Er weiß noch nicht, wie er das alles zurückzahlen soll.

Seit drei Monaten nun wohnt die Familie im Wedding in einer ehemaligen Schule in einem hellgrau gestrichenen Klassenraum, wohin ein zitronengelber Gang führt. La’iqa schläft mit ihrer Schwester unter der Kreidetafel. Sie guckt auf ein Poster mit dem barocken Gemälde eines holländischen Mädchens in ihrem Alter mit überraschtem Blick. Ob sie sich darin wiedererkennt? Oft denkt sie an Zuhause, an die Freundinnen – sie wüsste so gern, wo sie jetzt sind. Sie sehnt sich in ihr Zimmer mit der rosa gestrichenen Decke und den Familienfotos an den Wänden und den Puppen, die sie unter den Trümmern in Al-Hajar al-Aswad zurücklassen musste.

In ein paar Tagen darf sie eine Berliner Oberschule besuchen. Sie freut sich darauf. Sie hat einen Traum. Sie will Mathe-Aufgaben lösen und Architektin werden und wieder zurück in die Heimat. Sie will Häuser bauen.

(* Namen geändert)

Tausend Dank an Shilan Ali, die bei den Gesprächen mit La’iqas Familie übersetzte!

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„Wenn ich noch jung wär…“

Meiner Nachbarin, die kürzlich todtraurig das Schlimmste befürchtete, weil „die Asylanten kommen“, geht es anscheinend wieder besser. Traf sie auf dem Gehweg. Ungeachtet ihres Rentenalters tänzelte sie unter ihrer schwarzen Strickmütze vergnügt um mich herum, während sie über den Lauf der Zeit im Viertel sinnierte. Ihre Gedanken zeigten dabei ebenfalls Schwung. Sie startete mit:

„Wenn ich jung wäre, würde ich ja weg von hier.“
„Wieso?“
„Ist alles nicht mehr so wie früher.“ Die Hausgemeinschaft sei seinerzeit besser gewesen, die Mieter im ähnlichen Alter. Haben sie denn etwas zusammen unternommen, vielleicht Hoffeste? „Nein!“ Sie guckt entrüstet. „Die Leute wollten ihre Ruhe haben.“

Dann kippt ihre Erinnerung merkwürdig um ins Negative. Kinder hätten im Hof nicht spielen dürfen, obwohl da ein Spielplatz ist, aber die Nachbarn hätten sich wegen des Krachs beschwert, die wollten noch nicht mal, dass man sich da im Sommer mal kurz auf die Wiese legt, obwohl das ja gar keinen Krach macht, aber die mit dem Balkon nach hinten raus hatten wohl was dagegen.

Sie guckt die Straße entlang und plötzlich klart die Gegenwart auf. Von den Flüchtlingen kriege man ja nichts mit, sagt sie, sei eigentlich friedlich hier, Polizei war jedenfalls noch nicht da. Immer noch tänzelt sie umher, gestikuliert, breitet die Arme aus. Was auch immer sie tun würde, wenn sie jünger wäre – sie scheint mir fit für dieses Viertel.

„Einige Flüchtlinge habe ich kennengelernt“, sage ich, „die finde ich freundlich.“ Sie greift mit schwarzen Wollfäustlingen nach ihrer Nase. „Ja ja, man soll sich immer erst an die eigene Nase fassen.“ Sie versucht zu lachen. Eine Träne löst sich aus ihrem Augenwinkel und kullert über die Wange. Es ist beißend kalt.

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Beim Strom des Propheten

Die wundersame Vermehrung der Energiekosten in meinem Lieblingsimbiss

Hüseyin zuckt die Achseln und seine ergrauenden Augenbrauen. Auf dem Tresen der gläsernen Kühltheke, über eingelegtem Gemüse, türkischen Kohlrouladen und überbackenem Milchreis, liegt ein Stück Papier. Oben rechts prangt das bunte Logo von Vattenfall. Wie geht es dir?, habe ich Hüseyin gefragt. Er griff nach dem Aktenordner auf dem Glasregal über der Spüle und kramte die Stromjahresabrechnung heraus. Die fett gedruckte Zahl macht ihn ratlos: 6051,30 Euro. So viel soll er nachzahlen.

Hüseyin glaubt an Wunder. Sein Laden heißt Miraç – Himmelfahrt des Propheten –, und eine der Suren an der Wand meint, dass man mit einer Portion drei Menschen satt bekommen kann. Aber dass sich sein Stromverbrauch verdoppelt haben soll, kann er nicht glauben. Er besitzt seit Jahren eine Gefriertruhe, eine Kühltheke, zwei Kühlschränke mit gläsernen Türen, damit man die Flaschen innen sehen kann, und ein altes, mannshohes Monstrum im hinteren Raum, das gefährlich brummt. Dönerfleisch und Hähnchen grillt er auf Gasflammen.

Mir fällt eine seltsame Begebenheit ein. Vor Monaten, auf dem Weg zu Miraç in der Koloniestraße, treffe ich auf ungefähr hundert Männer, die sich auf dem Gehweg in zwei Reihen gegenüberstehen. Einer singt auf arabisch etwas vor, dann hört man einen dumpfen Donner, gefolgt von prasselnden Einschlägen. Die Männer schlagen sich im Takt mit der Faust auf die Brust und stampfen mit den Füßen aufs Pflaster, abwechselnd, in einem bestimmten Rhythmus.

Ein Fest der Schiiten, erklären mir Hüseyin und seine Frau Gul anschließend. Die Männer erinnern an eine Schlacht vor 1300 Jahren, in der der Enkel des Propheten Mohammed starb. Ob ich an Gott glaube, fragt Gul. „Nein.“ Sie schaut ungläubig. „Wieso nicht? Was glaubst du, woher kommt die Welt, die Bäume und die Menschen und alles?“ Ich glaube an eine Energie, sage ich. Manchmal verbindet sie uns. Aber ich weiß nicht, woher sie kommt.

Die Tür geht auf und ein Mann im dunklen Mantel kommt herein: „Guten Tag, ich bin Energieberater.“

Der Mann will Hüseyin überreden, zu einem günstigeren Stromanbieter zu wechseln. Hüseyin schüttelt den Kopf. „Warum nicht?“ – im Ton des Beraters schwingt eine energetisch ungünstige Ungeduld. Hüseyin lächelt. „Ich will Ruhe haben.“ Der Mann unwirsch: „Dann werfen Sie Ihr Geld doch Vattenfall in den Rachen.“

Und jetzt diese Rechnung. Hüseyin hat Vattenfall gebeten, die Zahlen zu prüfen, die könnten doch nicht stimmen. Alles korrekt, sagt Vattenfall. Gul fühlt sich seither, als hätte die Mahnabteilung ein Starkstromkabel in ihr Gehirn verlegt, als würden dort klatschende, stampfende, fette Zahlen ein unheiliges Fest veranstalten. Sie hat rasende Kopfschmerzen. Hüseyin kommt es vor, als hätte man den Strom bereits abgestellt – ihm ganz persönlich. Er wird blasser, fühlt sich kraftlos, schlurft umher, neuerdings mit Bäuchlein. Noch einmal hat er geschrieben: Sie mögen den Zähler kontrollieren. Keine Antwort. Und wenn sie bei ihrer Forderung bleiben? Dann wird er versuchen, in Raten zu zahlen. Er lächelt. Die Zuversicht knipst ihm so schnell keiner aus. Er hat alternative Energiequellen.

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Lauter Laub, so leise

Der Mann fegt den Humboldthain. Ganz allein. Er schiebt Laub vom Weg, der hinaufführt zu den ehemaligen Flaktürmen. Ein Ein-Euro-Jobber? Normalerweise treten sie zu mehreren auf. Er ist um die 40, trägt fleckige Klamotten, strähnige Haare. Was bewegt ihn? Ich renne an diesem Vormittag den Weg rauf und runter, das Laub ist glitschig und die Wahrscheinlichkeit hoch, dass es mich irgendwann aus der Spur schmiert. Ich will dem Mann danken.

Er macht Pause. Lehnt an einem Zaun und schaut versonnen auf eine Wiese weiter unten, auf der Kinder spielen. Nach einer Weile bemerkt er mich und erschrickt. Bevor ich etwas sagen kann, beginnt er zu stammeln und zu lallen wie ein Mensch, der nie Sprechen gelernt hat. Anscheinend ein Gehörloser. Ich tue, als würde ich fegen, deute auf ihn und hebe den Daumen. Er strahlt und antwortet ausgiebig und unverständlich. Ich sehe dunkle, schiefe Zähne, doch darüber lachen seine Augen, so klar und durchdringend wie der Himmel an diesem wolkenlosen Herbsttag. Er hebt eine Hand, blickt hinauf in die bernsteinfarbenen Baumkronen, flirrt mit den Fingern und lässt sie langsam sinken. Ich verstehe: Viel Laub und Arbeit kommt auf ihn zu. Er guckt dabei sehr glücklich.

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Alice, wo ist dein Ziel?

Flüchtlinge erleben die surreale Inszenierung ihrer Flucht

Normalerweise ist Alice unterwegs im Wunderland. Auf der Bühne des Theaters Ramba Zamba ist sie auf der Flucht. Vor einer Katastrophe, die ihre Heimat zerstört hat. Sie staunt: „Ist es Traum oder Wirklichkeit?“ Halb ohnmächtig macht sich Alice auf den Weg, begleitet von Erinnerungen an ihr Zuhause: die Katze, das Tagebuch, der Parfumduft der Mutter, ihr Schrank, der Held vom Poster an der Zimmerwand. Leibhaftig gespielt von schrill geschminkten Gestalten. Im Publikum sitzt La’iqa *, die wirklich auf der Flucht ist. Zwölf Jahre jung, geflohen aus einem Ort namens „Schwarzer Stein“ in der Nähe von Damaskus. Was sie sieht, geht ihr nah. Zwei Stunden starrt sie auf die Bühne und presst die Hand vor den Mund.

La’iqa kam mit einem Dutzend Flüchtlingen. Sie wohnen seit wenigen Tagen oder Wochen in „Erstaufnahmeheimen“ im Wedding. Ihr heutiger Ausflug führt sie durch eine Welt, die mit ihren funktionierenden BVG-Automaten, gefegten Straßen und Autos ohne Kratzer so ernsthaft und heil wirkt, dass sie es kaum fassen können; führt sie in eine Welt des surrealen Spiels, das seltsam echt und unmittelbar wirkt. Vielleicht lassen sich Krieg, Vertreibung und Verletzung nur fassen, wenn man sie ins Absurde erhöht.

Zwei Grenzbeamte in lila Satin mit Tropenhelmen auf dem Kopf nötigen Alice, sich auszuziehen, Stück für Stück. Totenstille im Publikum. „Zack, zack!“ – „Darf ich dann durch?“ – „Vielleicht.“ – „Ihr Schweine!“, schreit Alice. Die Beamten grunzen. Befreiende Lacher auf den Rängen.

Die Menschen aus Syrien, Irak, Serbien und Eritrea verstehen die Worte nicht, doch die Bilder sprechen: plastisch, bunt, voller Bewegung. Und die Darsteller: offen, stolz und komisch, wie vielleicht nur Menschen mit Downsyndrom es sein können. Sie spielen Wut und Enttäuschung und Freude, wie sie sie auch sonst leben.

„Meine Dame“, mahnt eine gestrenger Herr, der die Zeit spielt, ganz in Weiß, gekrönt mit einem Dreispitz: „Was Sie brauchen, ist ein Fluchtplan.“

Da ist zum Beispiel Selam *. Ihr Handy klingelt schon wieder, sie will es nicht ausschalten. Erst gestern kam sie, allein, sie stammt aus Eritrea. Sie sei 19, sagt sie, sieht aber aus wie 13. Sie wartet auf die Stimme ihrer Mutter, doch jetzt kann sie unmöglich rangehen.

Die Erinnerungen sitzen im Boot mit Alice und paddeln. „Alice, hast du geweint?“ – „Ja, aber nur einmal.“ – „Da siehst du, was dabei herauskommt: ein Tränensee.“ – Alice leckt an ihrem Finger. „Er schmeckt salzig.“

Lawend * traf vor zwei Tagen ein, ein Yeside aus Nordsyrien, dessen Volk sich vor den massakrierenden Dschihadisten im Sindschar-Gebirge verschanzte; der sofort eine Aufenthaltserlaubnis bekommen würde, wenn er Papiere hätte, die seine Herkunft zweifelsfrei nachweisen. Er hält seine kleine Umhängetasche fest umklammert.

Alices Begleiter entwickeln ein Eigenleben, werden aufsässig, streiten. „Du hast meine Henkel abgerissen!“, brüllt die Tasche. Der Revolutionär erschießt das Parfum, „weil es einen Krieg begonnen hat, für den es morgen vielleicht keinen Grund gegeben hätte“.

Dilan * aus dem Irak, 23, kämpfte vier Monate in der kurdischen Peschmerga-Armee gegen die Schlächter des „Islamischen Staat“, bis die seinen besten Freund umbrachten. Er floh über Syrien in die Türkei und auf der Ladefläche eines Lkws über Belgien nach Berlin.

„Wenn dieser Sandsturm vorüber ist, wirst du kaum begreifen können, wie du ihn durchquert und überlebt hast“, sagt die Zeit.

Techno-Gewummer – ein kleiner Serbe springt auf, tanzt zuckend. Ein Wolf und Alices Katze teilen sich eine Tüte Marihuana. Gejohle im Publikum. Zwei Organjäger machen sich mit einem fröhlichen „La, li, lu, nur der Mond schaut zu“ über die Katze her.

„Auch wenn der Sandsturm nur ein Symbol ist, so schlitzt er doch mit 1000 Rasierklingen.“

La’iqa aus der Stadt des Schwarzen Steins hält den Mund zu, als sähe sie Unbegreifliches oder etwas, das sie nur zu gut begreift, als habe sie Angst, schreien zu müssen. Was nimmt ein 12-jähriges Mädchen, das dem Bürgerkrieg entkommen ist, wahr? Wovon träumt sie?

„Alice, wo ist dein Ziel?“ – „Irgendwo wird ein Ort sein, wo ich bleiben kann, überleben, wo mich jemand braucht.“

(* Namen geändert)

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