Beim Strom des Propheten

Die wundersame Vermehrung der Energiekosten in meinem Lieblingsimbiss

Hüseyin zuckt die Achseln und seine ergrauenden Augenbrauen. Auf dem Tresen der gläsernen Kühltheke, über eingelegtem Gemüse, türkischen Kohlrouladen und überbackenem Milchreis, liegt ein Stück Papier. Oben rechts prangt das bunte Logo von Vattenfall. Wie geht es dir?, habe ich Hüseyin gefragt. Er griff nach dem Aktenordner auf dem Glasregal über der Spüle und kramte die Stromjahresabrechnung heraus. Die fett gedruckte Zahl macht ihn ratlos: 6051,30 Euro. So viel soll er nachzahlen.

Hüseyin glaubt an Wunder. Sein Laden heißt Miraç – Himmelfahrt des Propheten –, und eine der Suren an der Wand meint, dass man mit einer Portion drei Menschen satt bekommen kann. Aber dass sich sein Stromverbrauch verdoppelt haben soll, kann er nicht glauben. Er besitzt seit Jahren eine Gefriertruhe, eine Kühltheke, zwei Kühlschränke mit gläsernen Türen, damit man die Flaschen innen sehen kann, und ein altes, mannshohes Monstrum im hinteren Raum, das gefährlich brummt. Dönerfleisch und Hähnchen grillt er auf Gasflammen.

Mir fällt eine seltsame Begebenheit ein. Vor Monaten, auf dem Weg zu Miraç in der Koloniestraße, treffe ich auf ungefähr hundert Männer, die sich auf dem Gehweg in zwei Reihen gegenüberstehen. Einer singt auf arabisch etwas vor, dann hört man einen dumpfen Donner, gefolgt von prasselnden Einschlägen. Die Männer schlagen sich im Takt mit der Faust auf die Brust und stampfen mit den Füßen aufs Pflaster, abwechselnd, in einem bestimmten Rhythmus.

Ein Fest der Schiiten, erklären mir Hüseyin und seine Frau Gul anschließend. Die Männer erinnern an eine Schlacht vor 1300 Jahren, in der der Enkel des Propheten Mohammed starb. Ob ich an Gott glaube, fragt Gul. „Nein.“ Sie schaut ungläubig. „Wieso nicht? Was glaubst du, woher kommt die Welt, die Bäume und die Menschen und alles?“ Ich glaube an eine Energie, sage ich. Manchmal verbindet sie uns. Aber ich weiß nicht, woher sie kommt.

Die Tür geht auf und ein Mann im dunklen Mantel kommt herein: „Guten Tag, ich bin Energieberater.“

Der Mann will Hüseyin überreden, zu einem günstigeren Stromanbieter zu wechseln. Hüseyin schüttelt den Kopf. „Warum nicht?“ – im Ton des Beraters schwingt eine energetisch ungünstige Ungeduld. Hüseyin lächelt. „Ich will Ruhe haben.“ Der Mann unwirsch: „Dann werfen Sie Ihr Geld doch Vattenfall in den Rachen.“

Und jetzt diese Rechnung. Hüseyin hat Vattenfall gebeten, die Zahlen zu prüfen, die könnten doch nicht stimmen. Alles korrekt, sagt Vattenfall. Gul fühlt sich seither, als hätte die Mahnabteilung ein Starkstromkabel in ihr Gehirn verlegt, als würden dort klatschende, stampfende, fette Zahlen ein unheiliges Fest veranstalten. Sie hat rasende Kopfschmerzen. Hüseyin kommt es vor, als hätte man den Strom bereits abgestellt – ihm ganz persönlich. Er wird blasser, fühlt sich kraftlos, schlurft umher, neuerdings mit Bäuchlein. Noch einmal hat er geschrieben: Sie mögen den Zähler kontrollieren. Keine Antwort. Und wenn sie bei ihrer Forderung bleiben? Dann wird er versuchen, in Raten zu zahlen. Er lächelt. Die Zuversicht knipst ihm so schnell keiner aus. Er hat alternative Energiequellen.

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