Beim Sport

Ich weiß nicht, warum Stefan das Licht ausmacht. Vielleicht weil er die Ohnmacht nicht erträgt, die einen überfällt, wenn man so etwas hört; weil er als Trainer Verantwortung übernehmen, etwas tun will, wenn es einem seiner Schützlinge nicht gut geht. Vielleicht packt ihn auch die verrückte Idee, dass wenn er jetzt Feierabend machte wie jeden Mittwochabend, wenn die Leute verschwitzt und abgekämpft zu den Duschen schlurfen – wenn er jetzt den gewohnten Knopf drückte, dann könnte er auch der Ungerechtigkeit, diesem Leid ein Ende bereiten, es wenigstens dämpfen. Jedenfalls verschwindet er kurz im Trainerraum und schaltet die grellen Deckenlampen aus, so dass Volker nun im Halbdunkel steht und erzählt, wie er vor neun Tagen seine Tochter verloren hat.

Sie hatte gerade ihr Studium beendet, die Abschlussfeier stand bevor, sie war 24. Sie wachte in ihrer Wohnung auf, fühlte sich nicht gut. Ihr Freund ging in die Küche, um Tee zu kochen, als er zurückkehrte, lag sie reglos in ihrem Erbrochenem. Er versuchte, sie wiederzubeleben. Er ist gelernter Pfleger, er weiß, wie das geht.

„Ich mache ihm keinen Vorwurf“, sagt Volker, und es klingt aufrichtig. Seine Tochter litt an einem nicht erkannten Herzfehler. Sie war Sportlerin. Sein einziges Kind. Wir schweigen, er redet, kippt ins Weinen, redet schluchzend weiter, fängt sich schnell, redet.

Vollgepumpt mit Adrenalin sei er, man könnte ihm jetzt ein Bein abhacken, er würde es nicht spüren. Er wirkt wie in höchster Alarmbereitschaft, als würde das Unglück jetzt beginnen, als sei die Katastrophe noch abzuwenden. Er will rennen und retten. Aber wohin? Wen?

Das bisschen Licht, das sich ins Dunkel der Halle mischt, stammt aus dem Wohnblock gegenüber, aus Wohnzimmern und der Auslage eines türkischen Hochzeitsgeschäfts. Orte fremder Hoffnung auf Innigkeit. Ein Abglanz fällt auf Rolands Gesicht, schimmert fahl und doch tröstlich. Er sagt: „Ich will ein neues Kind.“

Er wolle nicht vom Dach springen. Darüber habe er nachgedacht, aber den Gedanken verworfen, weil: bringt nichts, Quatsch. Er will Vater sein. Das sei sein Leben. Und er wolle es wieder werden. Biologisch sei das mit seiner Frau nicht mehr zu verwirklichen, aber, und jetzt lächelt er verschmitzt, er sehe durchaus Möglichkeiten – in einer offenen Stadt wie dieser. Er sehe ein ganz ungewöhnliches Familienmodell.

Ich staune, bewundere seine Kraft. Er erlebt das Furchtbarste, was allen Eltern droht, was alle Eltern verdrängen. Ihn hat es getroffen. Doch er versinkt nicht im Schmerz, will es zumindest nicht. Was in ihm glüht und schneidet und reißt – die furchtbare Energie des Leids – er biegt sie um auf einen verheißungsvollen Weg, in eine Zukunft, wo er etwas Neues schaffen kann. In tiefster Trauer spürt er kommendes Glück.

Draußen ist es kalt. Volker hat nur ein T-Shirt an, als er auf die Straße tritt. Sportzeug, Jacke und Pullover drückt er an die Brust, den Kopf darüber gebeugt. Als trage er etwas Verletzliches, ein Bündel. Er eilt den Bürgersteig entlang zu seinem Auto, „tschüss“, sage ich, als ich an ihm vorbeiradle. „Tschüss“, sagt er. Und es klingt so normal, so falsch und so richtig.

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