Alice, wo ist dein Ziel?

Flüchtlinge erleben die surreale Inszenierung ihrer Flucht

Normalerweise ist Alice unterwegs im Wunderland. Auf der Bühne des Theaters Ramba Zamba ist sie auf der Flucht. Vor einer Katastrophe, die ihre Heimat zerstört hat. Sie staunt: „Ist es Traum oder Wirklichkeit?“ Halb ohnmächtig macht sich Alice auf den Weg, begleitet von Erinnerungen an ihr Zuhause: die Katze, das Tagebuch, der Parfumduft der Mutter, ihr Schrank, der Held vom Poster an der Zimmerwand. Leibhaftig gespielt von schrill geschminkten Gestalten. Im Publikum sitzt La’iqa *, die wirklich auf der Flucht ist. Zwölf Jahre jung, geflohen aus einem Ort namens „Schwarzer Stein“ in der Nähe von Damaskus. Was sie sieht, geht ihr nah. Zwei Stunden starrt sie auf die Bühne und presst die Hand vor den Mund.

La’iqa kam mit einem Dutzend Flüchtlingen. Sie wohnen seit wenigen Tagen oder Wochen in „Erstaufnahmeheimen“ im Wedding. Ihr heutiger Ausflug führt sie durch eine Welt, die mit ihren funktionierenden BVG-Automaten, gefegten Straßen und Autos ohne Kratzer so ernsthaft und heil wirkt, dass sie es kaum fassen können; führt sie in eine Welt des surrealen Spiels, das seltsam echt und unmittelbar wirkt. Vielleicht lassen sich Krieg, Vertreibung und Verletzung nur fassen, wenn man sie ins Absurde erhöht.

Zwei Grenzbeamte in lila Satin mit Tropenhelmen auf dem Kopf nötigen Alice, sich auszuziehen, Stück für Stück. Totenstille im Publikum. „Zack, zack!“ – „Darf ich dann durch?“ – „Vielleicht.“ – „Ihr Schweine!“, schreit Alice. Die Beamten grunzen. Befreiende Lacher auf den Rängen.

Die Menschen aus Syrien, Irak, Serbien und Eritrea verstehen die Worte nicht, doch die Bilder sprechen: plastisch, bunt, voller Bewegung. Und die Darsteller: offen, stolz und komisch, wie vielleicht nur Menschen mit Downsyndrom es sein können. Sie spielen Wut und Enttäuschung und Freude, wie sie sie auch sonst leben.

„Meine Dame“, mahnt eine gestrenger Herr, der die Zeit spielt, ganz in Weiß, gekrönt mit einem Dreispitz: „Was Sie brauchen, ist ein Fluchtplan.“

Da ist zum Beispiel Selam *. Ihr Handy klingelt schon wieder, sie will es nicht ausschalten. Erst gestern kam sie, allein, sie stammt aus Eritrea. Sie sei 19, sagt sie, sieht aber aus wie 13. Sie wartet auf die Stimme ihrer Mutter, doch jetzt kann sie unmöglich rangehen.

Die Erinnerungen sitzen im Boot mit Alice und paddeln. „Alice, hast du geweint?“ – „Ja, aber nur einmal.“ – „Da siehst du, was dabei herauskommt: ein Tränensee.“ – Alice leckt an ihrem Finger. „Er schmeckt salzig.“

Lawend * traf vor zwei Tagen ein, ein Yeside aus Nordsyrien, dessen Volk sich vor den massakrierenden Dschihadisten im Sindschar-Gebirge verschanzte; der sofort eine Aufenthaltserlaubnis bekommen würde, wenn er Papiere hätte, die seine Herkunft zweifelsfrei nachweisen. Er hält seine kleine Umhängetasche fest umklammert.

Alices Begleiter entwickeln ein Eigenleben, werden aufsässig, streiten. „Du hast meine Henkel abgerissen!“, brüllt die Tasche. Der Revolutionär erschießt das Parfum, „weil es einen Krieg begonnen hat, für den es morgen vielleicht keinen Grund gegeben hätte“.

Dilan * aus dem Irak, 23, kämpfte vier Monate in der kurdischen Peschmerga-Armee gegen die Schlächter des „Islamischen Staat“, bis die seinen besten Freund umbrachten. Er floh über Syrien in die Türkei und auf der Ladefläche eines Lkws über Belgien nach Berlin.

„Wenn dieser Sandsturm vorüber ist, wirst du kaum begreifen können, wie du ihn durchquert und überlebt hast“, sagt die Zeit.

Techno-Gewummer – ein kleiner Serbe springt auf, tanzt zuckend. Ein Wolf und Alices Katze teilen sich eine Tüte Marihuana. Gejohle im Publikum. Zwei Organjäger machen sich mit einem fröhlichen „La, li, lu, nur der Mond schaut zu“ über die Katze her.

„Auch wenn der Sandsturm nur ein Symbol ist, so schlitzt er doch mit 1000 Rasierklingen.“

La’iqa aus der Stadt des Schwarzen Steins hält den Mund zu, als sähe sie Unbegreifliches oder etwas, das sie nur zu gut begreift, als habe sie Angst, schreien zu müssen. Was nimmt ein 12-jähriges Mädchen, das dem Bürgerkrieg entkommen ist, wahr? Wovon träumt sie?

„Alice, wo ist dein Ziel?“ – „Irgendwo wird ein Ort sein, wo ich bleiben kann, überleben, wo mich jemand braucht.“

(* Namen geändert)

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