15 Minuten flussaufwärts

In der Nacht stürzten der volle Mond und der gleißende Jupiter Seite an Seite in die Erlenwipfel vor meinem Fenster. Binnen Minuten waren sie verschwunden. Wie schnell sich unser Planet dreht.

Bei Tageslicht sehe ich die hennaroten Kätzchen überm Wasser baumeln. Bald blühen auch die Pappeln. Ich laufe flussaufwärts in eine neue, nur scheinbar vertraute Zeit. Eine Krähe galoppiert über die bräunliche Uferwiese.

Ein kräftiger Mann herrscht seinen Hund an, seine Frau hinter ihm verbirgt ihr geädertes, vom Alkohol zerknautschtes Gesicht im bauschigen Kunstfellkragen.

Quer über der Panke setzt Qatar Airways zur Landung an. Wieso ist das eigentlich so schlimm, wenn sie die Fußballweltmeisterschaft 2022 kurz vor Weihnachten austragen?

Eine Kohlmeise tschilpt eine metallische Schleife, wie ich sie noch nie gehört habe. Neben einer Schaukel wiegt eine Mutter beruhigend ihr gellend kreischendes Kleinkind.

Bei mir stellen sich keine Frühlingsgefühle ein. Wieso eigentlich nicht?

Die tiefstehende Mittagssonne schraffiert kahle Obstbaumzweige, es glitzert in den noch menschenleeren Schrebergärten. Nebenan, auf der rostigen Spundwand des Flüsschens, balgen zwei Erpel; Weibchen suchen das Weite.

Ein Labrador scheißt auf den Rand des Regenrückhaltebeckens, sein Herrchen nickt anerkennend.

Ein Mann, mutmaßlich marokkanischer Herkunft, gibt seiner langlockigen Tochter einen Überblick über die Erfolge des Tages: „…wir haben was Schönes gegessen, dann waren wir auf dem Bauernhof, jetzt gehen wir zum Spielplatz…“ Das Mädchen guckt zufrieden. In mir blüht etwas zart.

Eine junge Frau trägt Gummistiefel mit bunten, aufgemalten Blümchen, sie spricht in ihr Telefon: „Ich kann dir schon mal das Zwischenergebnis geben. Am Anfang ist Cosinus im Quadrat… Beta“, brüllt sie ihren Hund an, der sich zwischen Sträuchern wälzt. Wieso darf der das nicht?

Im Bürgerpark taumelt ein Zweijähriger hinter seinem Kinderwagen her und imitiert täuschend echt einen Hahn, im Hintergrund kräht der echte. Darüber hockt eine Bande Stare im Baum und imitiert Bussarde. Windstöße wirbeln skelettiertes Restlaub auf.

Bei der Kurmuschel blühen Schneeglöckchen, weiß, und Winterlinge, gelb; fliederfarbene Krokusse machen sich bereit.

Auf der Wiese schießt ein Junge den Ball ins gedachte Tor zwischen zwei Jacken, volley. „Den holst du. – Nee, du bis dran, ich hab schon ganz oft. – Aber du hast geschossen. – Du bist der Torwart.“ Diesen Dialog habe ich schon vor 40 Jahren geführt. Zeitlos gültig, irre. Der Ball liegt unter einer ergelbenden Forsythie. Ich spüre ein inneres Beben, endlich.

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