Zelle machen

Zwei Halbwüchsige stehen bei Penny an der Kasse und warten, bis sie drei Familienpackungen Eiscrème (Erdbeere, Vanille und Schoko) bezahlen dürfen. Der eine ist etwa 13, klein und schmächtig, mit groß wirkenden Augen hinter starken Brillengläsern. Der andere wirkt kräftiger, circa 15 Jahre alt, trägt eine Sonnenbrille im lockigen Haar. Sie blättern in den Zeitschriften neben der Kasse.

Der 13-Jährige: Hast du schon mal ein Buch gelesen?
Der 15-Jährige (leise): Ja.
13: Ein richtiges Buch?
15 (leise): Ja.

Pause.

13: Was hast du eigentlich im Knast gemacht?
15: Ich konnte wählen. In Zelle bleiben und mich zu Tode langweilen. Oder Arbeit. Ich hab Arbeit gemacht.
13 (denkt nach): Ich würde Zelle machen.
15: Ey, die sperren dich ein, drei Wochen lang. Du darfst nicht einmal raus.
13: Hast du Essen gekriegt?
15: Ja.
13: Durch die Tür geschoben?
15: Ja.
13: Was denn?
15: Suppe, Gemüse, Kartoffeln. Und Wasser.
13: Und zu trinken?
15: Wasser.
13: Nur Wasser?
15: Ja.
13 (nach einer Weile): Das geht nicht. Ich brauche Eistee. Und Sprite.

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Die gute Tat

Die Tür zum Fahrerstand steht offen, ich lehne im Rahmen, vor mir der breite Umriss des Zugführerrückens, links in der Ecke lehnt müde die Schaffnerin. Über den Gleisen und um sie herum dämmert die Uckermark. Heidekrautbahnfeeling. „Haben Sie den anderen Zugführer erreicht?“, frage ich. In etwa zehn Minuten sollen wir einen Bahnhof erreichen, wo ein Zug entgegenkommt, der uns als letzte Möglichkeit an diesem Abend nach Hause, Richtung Gesundbrunnen bringen kann. Er müsse allerdings dem Kollegen Bescheid geben, hat der Zugführer gesagt, damit er wartet.

„Der ist kein Zugführer, sondern Lokführer“, sagt der Zugführer.
„Aha. Dann sind Sie also auch kein Zugführer, sondern Lokführer?“
„Genau. Zugführer“, sagt der Lokführer und schaut zur Schaffnerin hinüber, „ist sie. Das heißt“, er wirft der Schaffnerin einen zweiten Blick zu und klingt plötzlich verlegen: „Eigentlich bin ich auch der Zugführer.“ Hinter der Schaffnerin hängt riesig der Mond. Aus dem fahlen Halbdunkel tönt leise ihre Stimme: „Ich bin nichts.“

Als die blutorange Sonne vorhin genau gegenüber dem prallen Mond unterging, standen der Freund und ich dazwischen, mit unseren Rädern, auf einer Weide in einem sanft geschwungenen Tal an einem Entwässerungskanal vor einer kaputten Schleuse, und picknickten. Wir hatten uns verfahren, doch wir waren vergnügt. Jetzt fahren wir in die falsche Richtung und sind immer noch vergnügt. Was die Schaffnerin sagt, klingt nicht vergnügt. „Das glaube ich nicht“, sage ich. „So wirken Sie nicht.“ Wir halten an einer Station, doch sie rührt sich nicht.

„Was ist eigentlich mit der B.?“ fragt sie. „Ist sie noch krank?“
„Die ist nicht krank“, sagt der Lokführer. „Die hat `ne Meise. Und faul ist sie auch.“
„Sie wurde gemobbt.“

Manchmal gerät man durch Zufall für Augenblicke in eine fremde Welt. Eine Tür geht auf, und es schlägt einem ein Gewirr von Schmerz, Witz und Gewalt entgegen.

„Quatsch“, sagt der Lokführer, „die hat sich immer vor dem Weihnachtsdienst gedrückt. Hat immer schön die anderen arbeiten lassen. Macht dann ein halbes Jahr krank und als sie zurückkommt, sagt sie: ‚So, jetzt müssen wir hier mal Ordnung machen.‘ Die hat die anderen gemobbt.“
„Haben Sie schon den anderen Lokführer erreicht?“, frage ich.
„Die Verbindung ist schlecht“, sagt er.

„Sie wird immer dicker“, sagt die Schaffnerin.
„Dicker geht nicht.“

„Ja?“, meldet sich krächzend eine Stimme.
„Ich habe hier zwei Leute für dich mit Rädern“, sagt der Lokführer. „Ich übergebe sie dir in Tantow.“ Ich bedanke mich herzlich für seinen Einsatz. „Sowas machen wir jeden Tag“, brummt er. „Merkt nur keiner.“ Die Schaffnerin lächelt. „Deine gute Tat für heute.“

Im Tantow entsteigt der Lokführer der Kanzel, wir stolpern hinterher über Schotter und Schwellen, die Räder auf den Schultern, folgen seinem stämmigen Nacken überm Dienstpullunder durch den gelben Lichtkegel der Lokscheinwerfer. Gegenüber wartet bereits der Zug Richtung Gesundbrunnen, wir laufen um das Hinterteil, erklimmen den Bahnsteig, geschafft. Zum Abschied wollen wir dem Paar zuwinken, doch sie sind bereits verschwunden, hinter Scheiben, die das Licht unseres Waggons spiegeln. Rollend entfernen wir uns von den Entgleisungen einer fahrplanorientierten Welt.

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Sind wir im Wedding?

Um ein Picknicktischchen im Humboldthain sitzen drei junge Männer mit derselben Haartracht: oben abgeflachte Wolle, an den Seiten rasiert, davor gestutzter Vollbart – einmal nördlich-rotblond, zweimal nahöstlich-dunkel. Sie teilen sich aus Plastikbechern den Inhalt einer großen Flasche Cola, in der offenbar nicht nur Cola schwappt. An einem hölzernen Brückengeländer, ein paar Schritte entfernt, dehnt sich ein Jogger.

Dunkelbart 1 (pfeift): Guck dir die an.
Blondschopf: Ist das ne Alte?
Dunkelbart 2: Nee, is keine Alte.
Dunkelbart 1: Ey, bist du ne Alte?

Jogger guckt rüber.

Dunkelbart 2: Is keine Alte, sag ich doch.
Blondschopf (geht auf Jogger zu): Wieso hast du das gemacht?
Jogger: Was?
Blondschopf:  Die langen Haare?

Jogger guckt fragend.

Blondschopf: Warum hast du lange Haare? Wieso färbst du die?
Jogger: Die wachsen ganz von allein. Und gefärbt sind die nicht.
Dunkelbart 2: Klar sind die gefärbt. Platinblond, sieht man doch.
Dunkelbart 1: Bist du schwul?
Jogger: Klar.
Dunkelbart 1: Echt?
Jogger: Pass auf! Gleich überfalle und vergewaltige ich dich.

Dunkelbart 1 (steht grinsend auf): Du überfällst mich und vergewaltigst mich?
Dunkelbart 2: Wieso hast du das gemacht?
Jogger: Was?
Blondschopf: Bist du ne Schwuchtel?
Jogger: Nee.
Dunkelbart 2: …die Haare.

Dunkelbart 1 baut sich vor dem Jogger auf. Der dehnt seine Waden.

Dunkelbart 1: Is ja nicht schlimm: Schwuchtel. Kann man doch sein.
Jogger: Ja.
Dunkelbart 1: Bist du schwul?
Jogger: Nee. Ist mir jedenfalls noch nicht aufgefallen.
Blondschopf: Die sind echt nicht gefärbt?
Dunkelbart 1: Ist okay, schwul sein. Geht doch.

Jogger schwingt einen Fuß aufs Brückengeländer, wendet den dreien seinen Rücken zu. Spuckt auf den Boden.

Dunkelbart 2: Ey, spucken tut man nicht. Sind wir im Wedding?

Jogger legt grinsend seinen Oberkörper aufs Bein. Das Trio versammelt sich ums Picknicktischchen.

Blondschopf: Der ist stabil.
Dunkelbart 2: Ja, das merkste.
Dunkelbart1: Komm, wir gehen.

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Beim Sport

Ich weiß nicht, warum Stefan das Licht ausmacht. Vielleicht weil er die Ohnmacht nicht erträgt, die einen überfällt, wenn man so etwas hört; weil er als Trainer Verantwortung übernehmen, etwas tun will, wenn es einem seiner Schützlinge nicht gut geht. Vielleicht packt ihn auch die verrückte Idee, dass wenn er jetzt Feierabend machte wie jeden Mittwochabend, wenn die Leute verschwitzt und abgekämpft zu den Duschen schlurfen – wenn er jetzt den gewohnten Knopf drückte, dann könnte er auch der Ungerechtigkeit, diesem Leid ein Ende bereiten, es wenigstens dämpfen. Jedenfalls verschwindet er kurz im Trainerraum und schaltet die grellen Deckenlampen aus, so dass Volker nun im Halbdunkel steht und erzählt, wie er vor neun Tagen seine Tochter verloren hat.

Sie hatte gerade ihr Studium beendet, die Abschlussfeier stand bevor, sie war 24. Sie wachte in ihrer Wohnung auf, fühlte sich nicht gut. Ihr Freund ging in die Küche, um Tee zu kochen, als er zurückkehrte, lag sie reglos in ihrem Erbrochenem. Er versuchte, sie wiederzubeleben. Er ist gelernter Pfleger, er weiß, wie das geht.

„Ich mache ihm keinen Vorwurf“, sagt Volker, und es klingt aufrichtig. Seine Tochter litt an einem nicht erkannten Herzfehler. Sie war Sportlerin. Sein einziges Kind. Wir schweigen, er redet, kippt ins Weinen, redet schluchzend weiter, fängt sich schnell, redet.

Vollgepumpt mit Adrenalin sei er, man könnte ihm jetzt ein Bein abhacken, er würde es nicht spüren. Er wirkt wie in höchster Alarmbereitschaft, als würde das Unglück jetzt beginnen, als sei die Katastrophe noch abzuwenden. Er will rennen und retten. Aber wohin? Wen?

Das bisschen Licht, das sich ins Dunkel der Halle mischt, stammt aus dem Wohnblock gegenüber, aus Wohnzimmern und der Auslage eines türkischen Hochzeitsgeschäfts. Orte fremder Hoffnung auf Innigkeit. Ein Abglanz fällt auf Rolands Gesicht, schimmert fahl und doch tröstlich. Er sagt: „Ich will ein neues Kind.“

Er wolle nicht vom Dach springen. Darüber habe er nachgedacht, aber den Gedanken verworfen, weil: bringt nichts, Quatsch. Er will Vater sein. Das sei sein Leben. Und er wolle es wieder werden. Biologisch sei das mit seiner Frau nicht mehr zu verwirklichen, aber, und jetzt lächelt er verschmitzt, er sehe durchaus Möglichkeiten – in einer offenen Stadt wie dieser. Er sehe ein ganz ungewöhnliches Familienmodell.

Ich staune, bewundere seine Kraft. Er erlebt das Furchtbarste, was allen Eltern droht, was alle Eltern verdrängen. Ihn hat es getroffen. Doch er versinkt nicht im Schmerz, will es zumindest nicht. Was in ihm glüht und schneidet und reißt – die furchtbare Energie des Leids – er biegt sie um auf einen verheißungsvollen Weg, in eine Zukunft, wo er etwas Neues schaffen kann. In tiefster Trauer spürt er kommendes Glück.

Draußen ist es kalt. Volker hat nur ein T-Shirt an, als er auf die Straße tritt. Sportzeug, Jacke und Pullover drückt er an die Brust, den Kopf darüber gebeugt. Als trage er etwas Verletzliches, ein Bündel. Er eilt den Bürgersteig entlang zu seinem Auto, „tschüss“, sage ich, als ich an ihm vorbeiradle. „Tschüss“, sagt er. Und es klingt so normal, so falsch und so richtig.

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Zweifacher, kalter Entzug

Burak und die Super-Nanny

„Erwarten Sie von mir kein Mitleid“, sagt die Dame vom Amt. Freundlich, fast heiter sagt sie das. Sie hat Burak, einem Bekannten von mir, den Führerschein abgenommen, und ihr unbeschwerter Ton verrät: Sie hält das für eine richtig gute Sache. Nicht nur für die übrigen Menschen, die jetzt ein wenig sicherer vor Burak leben, sondern vor allem für Burak selbst. Die Dame im Landesamt für Bürger- und Ordnungsangelegenheiten, Referat Fahrerlaubnisse, mag 50 sein, ich stelle mir ein sympathisches Gesicht vor, energischer Pagenschnitt, sie legt Wert auf Ich-bin-jung-Gebliebenheit, vermutlich spielt sie, während wir telefonieren, mit ihrer Kaffeetasse, die einen lustigen Bürospruch trägt wie, „Lächle, du kannst sie nicht alle töten“, oder „Knie nieder, hier kommt die Königin“.

Überrumpelt hat sie mich. Eine überforderte, verhärmte Sachbearbeiterin hatte ich erwartet; eine, die sich an Regularien klammert und ihre Unsicherheit durch Verhängen harter Ordnungsstrafen überspielt, wofür sie sich selbst hasst. Und die darum froh gewesen wäre, dass einer wie ich ihr Herz massiert und zu erweichen sucht, indem er den Blick auf das Gesamtschicksal Burak lenkt, den 28-jährigen Sohn meiner Lieblingsdönerbudenbesitzer, der ja ein freundlicher junger Mann ist ohne Vorstrafen, ohne einen Punkt in Flensburg, sogar ohne jemals erlangten Strafzettel wegen Raserei oder Falschparken (jedenfalls nach eigenen Angaben); der sich also noch nie etwas hat zuschulden kommen lassen, zumindest noch nicht dabei erwischt wurde – nur ein einziges Mal. Und dann gleich: Lappen weg. Was bedeutet, auch sein Job als Fahrer ist futsch, und damit eine gewisse, wenn auch bescheidene, aber immerhin: Lebensperspektive. Und das bloß, weil er ein bisschen gekifft hat.

So ungefähr hat mir Burak sein Problem geschildert, so ungefähr hatte er es wohl auch der Frau vom Amt erläutert, die daraufhin sagte, er brauche gar nicht mehr anzurufen, solche Typen wie ihn kenne sie zu Tausenden. Das fand ich hart. Überzogen. Ich versprach Burak nachzuhorchen. Sachbearbeiter haben ja durchaus Entscheidungsspielraum, manche sogar ein Herz.

Die Frau, die ich durch den Apparat ihre „Knie-nieder“-Kaffeetasse streicheln höre, hat Entscheidungsspielraum und sie hat Herz, allerdings das einer Super-Nanny. So kommt sie mir vor: wie eine erfahrene, mit sich im Reinen scheinende, pädagogisch ziemlich eindimensionale Frau, die glaubt, sie könne mit Strafen den guten Kern im Wesen schwer erziehbarer Verkehrsteilnehmer zum Leuchten bringen. Sie sagt: „Der Führerscheinentzug ist für viele ein Grund, einen Schlussstrich unter ihr bisheriges Leben zu ziehen.“

Das hätte ich nicht gedacht. Dass ein Führerscheinentzug eine solche Wirkung entfalten kann. Schlussstrich ziehen. Hmm. Für Burak vielleicht nicht die schlechteste Lösung.

Allerdings: Worunter einen Schlussstrich ziehen? Es gibt nicht viel, was Burak beenden könnte. Eigentlich hat er noch gar nicht richtig angefangen. Er hat weder einen Schulabschluss noch eine Berufsausbildung. Der Führerschein war das einzige Dokument, das bezeugte, dass er etwas gelernt hat, ja dass er überhaupt irgendetwas kann.

Er nutzte es. Frühmorgens düste er mit einem gekühlten Lkw nach Rostock, lud fangfrischen Fisch ein und lieferte ihn in Berlin an verschiedene Restaurants. Schon ein Jahr machte er das, eine gewisse Kontinuität zeichnete sich ab. Doch dann, im vergangenen Frühling, er hatte gerade eine Kiste Dorsch und Aal an einen Kreuzberger Koch überreicht, sich zurück auf den Fahrersitz geschwungen und den Wagen gestartet, da stoppten ihn zwei Polizistinnen. Sie deuteten auf den Gurt, der schlaff neben ihm an der Karosserie hing.

Burak strahlt eine gewisse Fröhlichkeit aus. Eine lange Nase und ein Jokermund bilden zusammen ein Ausrufezeichen zwischen zwei wachen Augen. Und er hat eine Stimme mit einem leicht verschnupft klingenden, warmen Timbre, mit dem er, wenn’s drauf ankommt, sehr einsichtige Sachen sagen kann. Vielleicht deshalb wollten die beiden Polizistinnen ihn weiterfahren lassen, ihn bloß ermahnen, künftig den Gurt anzulegen. Doch eilten plötzlich männliche Kollegen herbei und bestanden auf einer Blutprobe.

Burak kann bis heute nicht fassen, wie sie auf diese Idee kamen. „Sehe ich aus wie ein Kiffer?“

Der Test erbrachte ziemlich hohe THC-Werte.

Burak ist ein Kiffer, und dass er vorher noch nicht erwischt wurde, war reines Glück.

Burak sieht das anders: Alles lief rund, bis ihn die Ungerechtigkeit in Gestalt zweier übereifriger Bullen und einer überspannten Ordnungsamt-Tussi aus der Bahn warf.

Tatsächlich ist das Amt mit einer ungeheuren Wucht in sein Leben getreten. Ich frage mich, ob das angemessen ist. Erst hat die Nanny ihm das Autofahren verboten, jetzt macht sie ihm auch seine zweite Lieblingsbeschäftigung madig: Kiffen. Wenn er damit aufhöre, lockt sie, bestehe die Chance, dass er den Führerschein wiederbekomme, Bedingung: ein Drogenkontrollprogramm. Er müsste sechs bis zwölf Monate regelmäßig unter ärztlicher Aufsicht Blut und Urin abzapfen und untersuchen lassen, bis feststeht, er ist dauerhaft clean.

THC-Stoffwechselprodukte lassen sich noch viele Wochen nach dem letzten Joint im Urin nachweisen. Wer sich für ein Drogenkontrollprogramm anmeldet, um seinen Führerschein wiederzubekommen, muss sich darum in völliger Abstinenz üben, mindestens ein halbes Jahr lang. Dabei ist Kiffen gesetzlich nicht verboten. Das Amt, so kommt es mir vor, greift ein bisschen in die private Genussorientierung ein. Und zwar ein bisschen autoritär. Und nicht minder brutal. Es probt den zweifachen, kalten Entzug: erst der Führerschein, mit ihm als Hebel anschließend die Drogen. Wie die Klienten diesen Eingriff in ihr Leben wirtschaftlich und psychisch hinkriegen, müssen sie selbst sehen, eine begleitende Therapie gibt es nicht. Eine Perspektive auch nicht wirklich. Und das Umfeld, Freunde und Bekannte, verhält sich selten hilfreich.

„Das schaffst du nie“, brüllt Achmed von seinem Barhocker im „Mirac“-Imbiss. Burak vertritt dort seine Eltern. Achmed und ein Freund leisten ihm Gesellschaft, diskutieren Buraks Marihuanasucht und seine gesellschaftlichen Aufstiegschancen, die sie auf einer Skala von 1 bis 10 mit ungefähr Null bewerten. Burak steht vor einer Reihe aufgespießter Hähnchen, fuchtelt mit der Salatzange, lacht und brüllt zurück: „Klar schaffe ich das.“

„Wenn du bis August deinen Führerschein wieder hast“, sagt Achmed, „kriegst du von mir 1000 Euro.“ Er ist ein beleibter Mann mit schönen, klugen Augen. Als Kind ist er mit seinen Eltern aus dem Libanon geflüchtet. Er pflegt seine Mutter, der Granatsplitter derart die Beine zerfetzten, dass eine Ärztin, die sie kürzlich begutachtete, anfing zu weinen. Ich halte Achmed nicht für ein oberflächliches Großmaul. Wenn er Burak 1000 Euro verspricht, dann will er ihn ernsthaft motivieren – oder demütigen. Achmed deutet auf seinen Freund, dann auf mich. „Hier sitzen zwei Männer mit richtigen Eiern in der Hose“, sagt er, „die können bezeugen, was ich gesagt habe.“ Ich fühle mich geschmeichelt. Buraks Gesicht bekommt einen verträumten Ausdruck, ganz ohne Drogen.

Er schiebt nur selten Dienst im Imbiss seiner Eltern, obwohl die durchaus Entlastung bräuchten. An sechs bis sieben Tagen die Woche arbeiten sie bis zu 14 Stunden. Sie wünschen sich sehnlich, dass ihr Sohn nicht länger müßig durchs Viertel spaziert, sondern endlich Geld verdient, was auf die Beine stellt. Manchmal versuchen sie ihm zu helfen – und es geht schief.

Vor zwei Jahren hatten sie einen Spätverkauf für ihn angemietet. Ein Onkel hatte ihnen den Laden in der Residenzstraße angeboten. Buraks Eltern sahen eine Chance, den Jungen von der Straße zu holen, und zahlten drei Monatsmieten im Voraus. Burak setzte sich hinter den Tresen und wartete auf Kundschaft, statt derer erschienen sein Cousin und ein Kumpel. Sie wollten den Laden wieder haben, erklärten sie, sie seien zuerst hier drin gewesen. Burak hatte nichts dagegen, er hing nicht an dem Job, allerdings verlangten die beiden zusätzlich 5400 Euro. Burak fragte, wieso und wofür. Die beiden sagten, Geld her, sonst Haue.

Der Cousin gilt als gewaltbereit, er fackelt nicht lange. Gerne hätte Burak darum dessen Vater eingeschaltet, der der Onkel ist, der den Laden vermittelte. Doch saß dieser Onkel mittlerweile im Knast, weil er in dem Späti Drogengeschäfte abgewickelt hatte, bei denen es offenbar zu Unstimmigkeiten gekommen war. Ein kleinkalibriges Loch in der Schaufensterscheibe kündete davon.

Irgendwie kam Burak aus der Nummer wieder heraus, aber insgesamt fällt auf: Es läuft nicht rund. Die Idee „Schlussstrich ziehen“ hat darum einen gewissen Reiz. Das sei nicht einfach, hat die Nanny eingeräumt, wer aufhöre zu kiffen, bei dem müsse auch etwas im Hinterstübchen passieren. Als ich Burak davon erzähle, nickt er nachdenklich, als gefalle ihm dieser ganzheitliche Ansatz.

Doch was soll im Hinterstübchen geschehen? Soll er fegen, aufräumen, neu einrichten? Burak hat keine Ahnung, wie ein erfolgversprechendes Hinterstübchen aussieht. Welche Gedanken, Ideen, Gefühle soll er rausschmeißen, welche sind es wert, ins Licht gerückt zu werden? Wie findet er den Weg zum Fenster, wie kriegt er es auf und eine neue, frische Sicht? Und worauf eigentlich?

Seltsam, darüber haben wir noch nie gesprochen, muss ich ihn mal fragen: Burak, hast du einen Traum? Was würdest du eigentlich gerne werden? (Darf man das einen 28-Jährigen fragen?)

Die 1000-Euro-das-schaffst-du-nie-Runde fand kurz vor Weihnachten statt. Im Januar treffe ich Burak wieder, er berichtet von einer neuen Lebenserfahrung: Seit zwei Wochen kiffe er nicht mehr und genieße es, morgens leicht und mit klarem Kopf aus dem Bett zu kommen. Plus: Er wolle seinen Hauptschulabschluss nachholen.

Einen Monat darauf, wieder im Mirac. Die Eltern stehen hinterm Tresen, ich schlemme selbstgebratene Kartoffeln mit Pepperoni, Bohnen und Hühnchen, es ist 14 Uhr, Burak stolpert herein. Er sei gerade aufgestanden. Jokergrinsen. Wie sieht´s mit dem Drogenkontrollprogramm aus? Äh ja, damit wolle er noch ein bisschen warten, da seien bestimmt noch THC-Reste im Blut. Das Gesicht seiner Mutter, sonst rund und freundlich, wirkt von Sorgen verengt. Auf Buraks Stirn klebt Schweiß.

Mir wird mulmig. Ich muss aufpassen, dass ich nicht selbst zum Kontrollprogramm werde. Ich bin nicht der Wächter von Buraks Hinterstübchen. Ich will nicht weiter nachhaken. Ich werde mich überraschen lassen.

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Der Hauswartssohn

Er nimmt die Finger zu Hilfe, um das Ausmaß der Aufgabe zu verdeutlichen, zählt ab: „Vorderhaus, Seitenflügel, Quergebäude. Mein Bruder und ich mussten immer durch die Treppenhäuser, und die Rollos vor den Fenstern runterlassen, wenn Fliegeralarm war.“

Der alte Mann sitzt beim Bäcker in der Prinzenallee. Schlägermütze, darunter vereinzelte weiße Bartstoppeln, darunter eine verblichene blaue Windjacke, davor ein Glas Tee. Seit einer halben Stunde stiert er aus kleinen Augen stumm vor sich hin. Plötzlich fragt er: „Wie spät ist es?“ „Kurz vor vier“, schätze ich. Er guckt auf seine Armbanduhr: „sieben vor vier“, er springt auf, „stimmt das?“, läuft durch den Raum, bis er eine Uhr an der Wand einsehen kann, „zwei vor vier“, liest er ab, „nein, drei vor vier.“ Er lächelt, „die Uhr hier geht ein bisschen anders“. Wirft noch einen vergleichenden Blick auf seine Uhr, setzt sich wieder, streift seinen Ärmel hoch, streckt mir sein Handgelenk entgegen, „hier, sieben vor vier, nein, sechs vor vier“.

Kurz darauf erzählt er seine Geschichte: „Vorderhaus, Seitenflügel, Quergebäude…“ 1944 war das, zehn Jahre war er alt, gerade in der Hitlerjugend, musste man ja. Der Vater hat die Rollos angebracht. Wenn alle Treppenhäuser verdunkelt waren, sind sie zum Flakturm im Humboldthain gerannt, oder zu den Erdbunkern am U-Bahnhof Gesundbrunnen.

Wieder stiert er vor sich hin. Ihm fällt ein, dass er eine Lebensgefährtin im Vogtland hat. Warum ist er jetzt nicht dort? Er guckt verständnislos. Oder sie hier bei ihm? Manchmal fahre er hin, sagt er, bleibe drei, vier Wochen, manchmal komme sie hierher. Er berichtet das teilnahmslos, als sei eine Pendelbeziehung zwischen Achtzigjährigen das Normalste von der Welt. Im selben Ton sagt er, dass er jeden Nachmittag hier beim Bäcker sitze, ab ungefähr drei, halb vier. Alleine. Bis er „fertig ist“. Fertig? Mit dem Tee, bis er ihn ausgetrunken hat. Anscheinend folgt er dabei einem Zeitplan, gefüllt vor allem mit der Überprüfung desselben. Überfallartige, nichtsdestoweniger mit gewissenhaftem Ernst durchgeführte Kontrollen des Nichtstuns, des Abwartens – bis zu einem weiteren Schluck. Zwei Drittel des Tees hat er noch vor sich. „Besser als zu Hause sitzen.“

Dann zerrt er einen Leinenbeutel hervor. Mit einem Mal wirkt er wie aufgeputscht. Klaubt eine Riesentüte schokolasierter Kekse heraus, eine Tafel Schokolade und ein großes Bündel Bananen. „Hahahaaa“, lacht er quietschend, „Schokolade und Bananen, habe ich eben eingekauft.“ Diebische Freude, glitzernde Augen. Manche Männer bleiben ein Leben lang Kind.

Vielleicht deshalb bleiben die 70 Jahre nach dem Krieg dunkel. Obwohl, „dunkel“ ist das falsche Wort, es würde etwas hineingeheimnissen. Er habe an der Müllerstraße in einem Keller im Lager gearbeitet, Fischkonserven in Kisten gepackt; jaja, ziemlich lange. Es tut weh, das zu denken, aber es wirkt, als komme ihm sein Leben belanglos vor, blass, wie „kannst du vergessen“. Einzig eine Episode treibt ihn um, sie wiederholt er vier, fünf Mal an diesem Nachmittag. Der Refrain seines Lebens. Der alte Mann tippt gegen Daumen, Zeigefinger, Mittelfinger: „Vorderhaus, Seitenflügel, Quergebäude. Mein Bruder und ich sind durch die Treppenhäuser gerannt und haben die Rollos runtergelassen. Mussten wir, mein Vater war ja der Hauswart.“

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15 Minuten flussaufwärts

In der Nacht stürzten der volle Mond und der gleißende Jupiter Seite an Seite in die Erlenwipfel vor meinem Fenster. Binnen Minuten waren sie verschwunden. Wie schnell sich unser Planet dreht.

Bei Tageslicht sehe ich die hennaroten Kätzchen überm Wasser baumeln. Bald blühen auch die Pappeln. Ich laufe flussaufwärts in eine neue, nur scheinbar vertraute Zeit. Eine Krähe galoppiert über die bräunliche Uferwiese.

Ein kräftiger Mann herrscht seinen Hund an, seine Frau hinter ihm verbirgt ihr geädertes, vom Alkohol zerknautschtes Gesicht im bauschigen Kunstfellkragen.

Quer über der Panke setzt Qatar Airways zur Landung an. Wieso ist das eigentlich so schlimm, wenn sie die Fußballweltmeisterschaft 2022 kurz vor Weihnachten austragen?

Eine Kohlmeise tschilpt eine metallische Schleife, wie ich sie noch nie gehört habe. Neben einer Schaukel wiegt eine Mutter beruhigend ihr gellend kreischendes Kleinkind.

Bei mir stellen sich keine Frühlingsgefühle ein. Wieso eigentlich nicht?

Die tiefstehende Mittagssonne schraffiert kahle Obstbaumzweige, es glitzert in den noch menschenleeren Schrebergärten. Nebenan, auf der rostigen Spundwand des Flüsschens, balgen zwei Erpel; Weibchen suchen das Weite.

Ein Labrador scheißt auf den Rand des Regenrückhaltebeckens, sein Herrchen nickt anerkennend.

Ein Mann, mutmaßlich marokkanischer Herkunft, gibt seiner langlockigen Tochter einen Überblick über die Erfolge des Tages: „…wir haben was Schönes gegessen, dann waren wir auf dem Bauernhof, jetzt gehen wir zum Spielplatz…“ Das Mädchen guckt zufrieden. In mir blüht etwas zart.

Eine junge Frau trägt Gummistiefel mit bunten, aufgemalten Blümchen, sie spricht in ihr Telefon: „Ich kann dir schon mal das Zwischenergebnis geben. Am Anfang ist Cosinus im Quadrat… Beta“, brüllt sie ihren Hund an, der sich zwischen Sträuchern wälzt. Wieso darf der das nicht?

Im Bürgerpark taumelt ein Zweijähriger hinter seinem Kinderwagen her und imitiert täuschend echt einen Hahn, im Hintergrund kräht der echte. Darüber hockt eine Bande Stare im Baum und imitiert Bussarde. Windstöße wirbeln skelettiertes Restlaub auf.

Bei der Kurmuschel blühen Schneeglöckchen, weiß, und Winterlinge, gelb; fliederfarbene Krokusse machen sich bereit.

Auf der Wiese schießt ein Junge den Ball ins gedachte Tor zwischen zwei Jacken, volley. „Den holst du. – Nee, du bis dran, ich hab schon ganz oft. – Aber du hast geschossen. – Du bist der Torwart.“ Diesen Dialog habe ich schon vor 40 Jahren geführt. Zeitlos gültig, irre. Der Ball liegt unter einer ergelbenden Forsythie. Ich spüre ein inneres Beben, endlich.

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Hohlräume

Der Parkplatz zwischen Drontheimer und Tromsöer Straße an einem Sonntag: vereinzelt Autos, kaum ein Mensch. Hinterm Einrichtungsmarkt, bei den Müllcontainern und Palettentürmen fahre ich Rollschuh, ziehe schnelle, enge Runden, den Blick auf den Asphalt geheftet, der an dieser Stelle, aber nur an dieser Stelle, warum auch immer, besonders fein strukturiert und glatt ist. Als ich stoppe, steht da ein Mann, wenige Schritte entfernt. Er hält zwei Metallstäbe: knapp einen Meter lang, aus Kupfer, offenbar Schweißdrähte, an einem Ende um 90 Grad geknickt, wodurch eine Art Griff entsteht.

Der Mensch baut sich auf, sammelt sich, guckt in eine unergründliche Ferne. Die Drähte hält er in den Fäusten wie ein schussbereiter Pistolero zwei langläufige Knarren. In seine millimeterkurzen Haare hat jemand rechts und links einen Scheitel rasiert. Er atmet durch und läuft langsam los, gemessenen Schrittes, als nähere er sich einem Gegner zum Duell. Am unteren Saum seiner Jeans, über den Absätzen, hopsen zwei rechteckige, knallrote Flicken hinterher – was vermutlich keine Bedeutung hat, doch sind sie zu auffällig, um sie nicht zu erwähnen.

Der Mann wirkt konzentriert. Alle paar Sekunden schwingen die Schweißdrähte in seinen Fäusten nach rechts oder links. Dann hält er an, richtet die Stäbe neu aus, läuft weiter.

Hallo?

Er sei Archäologe, sagt er. Mit den Stäben könne er Gräber finden.
Hier, hinterm Einrichtungsmarkt?
Hier übe er nur. Wenn beide Drähte nach innen schwingen, erklärt er, zeigten sie einen unterirdischen Hohlraum an. Schwingen sie nach außen, stehe er auf einer Wasserader.
Unter diesem Asphalt, hinterm Einrichtungsmarkt, befinden sich also Hohlräume und Wasseradern?
Hundertprozentig. Für gewöhnlich arbeite er im Libanon, dort habe er auf diese Weise etliche Schätze gefunden, einmal ein römisches Grab in 36 Meter Tiefe.

Ich nicke andächtig. Habe schon gehört und gelesen von Wünschelrutengängern und Wasseraderfindern – die Wissenschaft schließt deren Wirksamkeit nicht ganz aus. Endlich treffe ich mal einen.

Ein Windstoß treibt eine Plastiktüte über den Parkplatz, bläst sie auf, lupft sie ein paar Zentimeter hoch. Erinnert an den Film „American Beauty“.

Kann man das lernen, das mit den Stäben? Ja, sagt er, er habe einen Lehrgang besucht: sieben Tage, 1700 Euro, allerdings nur für Hohlräume. Wasser – er guckt mich ernst an – kann nicht jeder.

In „American Beauty“ filmt ein träumerischer, junger Mann, wie eine zarte, weiße Plastiktüte, vom Wind getrieben, minutenlang durch die Luft schwebt und tanzt. Er zeigt das Video einer Freundin. Zum ersten Mal versteht sie ihn. Sie greift nach seiner Hand. Eine wunderschöne Szene.

Er habe auch schon Riesenmenschen gefunden, sagt der Mann. Ein einzelnes Fingerglied – er deutet eine Strecke vom Boden bis zur Nasenspitze an – sei ungefähr so groß gewesen. Knirsch. Der Film, den ich gerade innerlich drehe, über Menschen mit fantastischen Fähigkeiten, bekommt böse Kratzer. Im Jemen und in Südarabien, sagt er, habe man etliche Riesenmenschenskelette gefunden. Um einen einzelnen dieser Schädel zu heben, seien sechs Männer unserer Größe nötig gewesen. Er lächelt beruhigend wie jemand, der gewohnt ist, in entgleiste Gesichter zu schauen. Und na ja, es werde ja immer noch gerätselt, wie die ägyptischen Pyramiden gebaut wurden. „Dabei – ist doch klar…“ Dann verschwindet er ums Eck, grußlos, in eine Gasse, an die Werkstätten grenzen. Nach ein paar Sekunden rolle ich hinterher. Er ist weg.

Die Tüte, die der Wind vor dem Einrichtungsmarkt umhertreibt, ist nicht zart, es ist eine große Aldi-Tüte, eher plump und schwer. Wirkliche Schönheit will sich nicht einstellen. Ein Windbeutel. Und erst jetzt fällt mir das Warnschild auf, das an der Mauer hängt, vor der der Mann mit den rasierten Scheiteln auf- und ablief: „Vorsicht, Staplerverkehr.“

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Liebe im Strudel der Städte

Fünf, sechs Feuerwehrleute stehen in voller Montur auf der schmalen Pankebrücke und gucken mehr oder weniger gelangweilt in verschiedene Richtungen. Zwei lehnen am Geländer, ein besonders Stämmiger beobachtet das Flüsschen darunter. Was hier los sei, frage ich. Der Stämmige: „Wir dürfen über unsere Einsätze nicht reden.“

So beginnt ein Tag, der mich auf Umwegen in die Londoner U-Bahn und schließlich nach Belgrad führt.

Der Stämmige betrachtet im flachen Wasser einen schwarzen Rucksack, von der Strömung umspült, daneben schimmern glasig vom sandigen Grund eine Geldkarte und ein Bibliotheksausweis. Einer der Feuerwehrmänner trägt Anglerhosen. Sind die hier, um den Rucksack zu retten?

Unvermittelt beginnt ein junger Mann zu erzählen, der etwas abseits steht. Seine Augen sind weit aufgerissen, als stünde er unter Schock. Sein Rucksack sei gestern gestohlen worden, sagt er, er habe ihn im vorderen Raum der Galerie abgestellt, in der er gerade Bilder für eine Ausstellung hänge, er sei kurz nach hinten gegangen und als er zurückkehrte, war der Rucksack weg. Heute morgen habe ihn ein Freund angerufen, der in der Panke einen herrenlosen Rucksack entdeckt hatte und glaubte, es könne seiner sein. Und tatsächlich, es ist seiner.

Was für eine Ausstellung? Fotos, sagt er, seine Fotos, heute Abend ist die Eröffnung, in der Galerie „Made in Wedding“, Koloniestraße, wenn ich Lust habe, könne ich ja kommen. Seine Name: Benjamin Renter.

Ich mag es, wenn ein Mensch, der vertrauenswürdig scheint, mir die Hand reicht, mich in eine Gegend führt, die ich nicht kenne. Ich folge solchen Hinweisen mit einer Lust, die man für den Glauben an einen Wink des Schicksals halten könnte. Vielleicht bin ich aber nur froh, wenn ich nicht lange grübeln muss, was ich als Nächstes tun will.

Am Abend bei der Ausstellungseröffnung sagt Benjamin, er fotografiere, wie wir auf Wege gelenkt werden, ohne dass wir es merken.

Ein Foto zeigt vier ältere Damen mit Einkaufstaschen, die über einen Zebrastreifen gehen. Sie schauen sich nicht an, haben anscheinend nichts miteinander zu tun, doch gehen sie in genau gleichen Abständen hintereinander, seitlich versetzt, als folgten sie einer geheimen Choreografie. In einem betonverwüsteten Urlaubsort an der Costa Blanca sitzen als einzige Menschenseelen weit und breit zwei Paare auf Bänken, und es scheint nur einen einzigen Grund zu geben, sich in dieser Gegend aufzuhalten: die Bänke, die jemand in den Zement geschraubt hat.

Benjamins Augen waren nicht nur auf der Pankebrücke weit aufgerissen, sie sind es immer. Als stünde nichts, kein Filter, keine Distanz, kein Sicherheitsabstand zwischen ihm und der Welt. Und als würde das, was er sieht und fotografiert, während er sich auf verschiedenen Kontinenten durch die Straßen treiben lässt, als würde ihn das erschrecken: Menschen, die sich durch Mauern, Bordsteine, Straßenschluchten, Schilder, Geländer, Fassaden einschränken lassen. Die Steinen und Regeln gehorchen. Die durch die Städte laufen wie Rädchen in einer „Architekturmaschine“.

Benjamin findet, Architektur zwinge uns Wege auf. Sie entmündige.

Hm. Und wenn es umgekehrt wäre? Vielleicht schaffen erst vorgeschriebene Wege und Begrenzungen Freiräume für unvorhergesehene Begegnungen. Gäbe es zum Beispiel die Pankebrücke nicht, hätte der Rucksackdieb nicht hinüberlaufen können, wären Benjamin und die Feuerwehrleute (waren sie wirklich nur wegen des Rucksacks da?) nicht gekommen, wäre ich ihnen nicht begegnet und in dieser Ausstellung gelandet, die mir gut gefällt.

Auf meinem Lieblingsbild strömen Dutzende Menschen in einen Londoner U-Bahnschacht. Rechts und links vom Geländer stehen wie Einweiser Zeitungsverkäufer, die Nachrichten in die Menge reichen. Es ist Morgen, die Menschen gehen zur Arbeit, die meisten Köpfe sind gesenkt. Aber sie sehen nicht aus wie Maschinenteile. Die Gesichter sind konzentriert, man kann in ihnen lesen, darin zirkulieren Kosmen voller Sorgen und Ideen, Ängste und Erwartungen.

In der Mitte der Menge führt eine junge Frau über eine Freisprechanlage ein Telefongespräch. Sie gestikuliert, es scheint, als würde sie die Menschen hinab in den Untergrund dirigieren. Ihre Handflächen sind dabei der Brust zugewandt, die Finger gespreizt, die Sehnen in ihrem Handrücken spannen sich, als würde sie so die Kraft finden, einen Gedanken auszudrücken, der ihr am Herzen liegt.

Vielleicht ist es gar nicht so wichtig, ob man in eine Richtung aus vermeintlich eigenem Willen läuft oder fremdgesteuert. So wie es oft unklar ist, ob man einen Weg sucht, oder ob die Wege einen finden, ob man von unsichtbaren Fäden wie eine Marionette gezogen wird, oder ob man einem Faden folgt. Vielleicht kommt es nur darauf an, wie wir die Luft zwischen den Mauern mit Leben füllen. Und wem wir unterwegs begegnen.

So wie es Benjamin Renter in Belgrad geschehen ist. Etwas Unwiderstehliches, eine Art Strudel zog den Fotografen zwischen die Mauern der serbischen Hauptstadt. Neunmal ist er dorthin gereist, in die Stadt, die einen Krieg hinter sich hat und nichts verpassen will. „Die Menschen arbeiten hart, sie sind kommunikativ, sie erzählen Geschichten“, sagt er. „Belgrad ist laut, die Stadt macht süchtig.“ Irgendwann lernte er Saskia kennen. Sie studierte, jobbte nebenbei in Hostels und Klamottenläden, arbeitete ohne zu jammern elf Stunden am Tag und fand außerdem Zeit für ihre Freunde. Benjamin hatte das Gefühl, angekommen zu sein; im Zentrum des Strudels. Er verliebte sich.

Vor kurzem gingen sie zum Standesamt und unterschrieben, dass sie von nun an gemeinsame Wege gehen wollen. Im Wedding, entlang der Panke, und von hier aus, auf welchen verschlungenen oder ausgetretenen oder beschränkten Pfaden auch immer, in den Rest der Welt.

Benjamins Fotos sind zu sehen auf: www.renterphoto.de.

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Engelstrompeten und Gerechtigkeit

Mein Nachbar Dirk macht sich Sorgen, dass er aus Versehen den Hund im Erdgeschoss vergiften könnte. Er kommt gerade vom Einkauf bei Penny, den Hackenporsche im Schlepptau. Er ist 60. Auf dem Kopf trägt er ein Gebüsch roter, drahtiger Haare, aus dem ein Paar blauer Augen hervorlugen. Erinnert ein bisschen an Rübezahl. Mit gerunzelter Stirn blickt er hinauf zu seinem Balkon, wo hochaufgereckt Engelstrompeten stehen und aus trichtergroßen Blüten ihren süßlichen Mandelduft über den Wedding posaunen. Er liebe den Duft, sagt er. Problem sei nur: Die Blüten sind giftig.

Ab und zu fällt eine runter. Der Schäferhund von unten spielt damit, schüttelt sie in seiner Schnauze, wirft sie weg, holt sie wieder. Was ist, wenn der sich durch seine, Dirks, Blüten vergifte? Dirk denkt über eine Netzkonstruktion nach, mit der er das fallende Gift auffangen kann.

Eine Gruppe aufgekratzter Jungen stürmt vorbei, Zehn- oder Elfjährige. Der Hund lehnt an der Balkonbrüstung und bellt. Die Jungs rufen „huuh!“, Dirk guckt missmutig. „Das muss doch nicht sein.“ Er meint die Kinder. Findet es nicht gut, dass sie ein unschuldiges Tier erschrecken. Man solle niemanden ärgern, sagt er.

War er in seiner Kindheit nicht auch übermütig, hat er nicht Klingelstreiche gespielt oder so? „Nein.“ Nie etwas kaputtgemacht? Nein, er sei so erzogen worden, dass Dinge etwas wert sind. Und geprügelt? Hat er sich nie geprügelt? Seine großen Augen schauen mich an. „Doooch. Hab dafür auch im Bau gesessen.“

Und dann erfahre ich, wer Rübezahl mal war. Oder immer noch ist? Zweieinhalb Jahre hat er wegen Körperverletzung gesessen. Er war Rocker. In keinem Club, nicht bei den Hells Angels oder so – die Vereinsmeierei mit Statuten und Präsidenten wählen war nicht sein Ding. Er wollte frei sein. Von solchen freischaffenden Rockern gab es einige, oft sind sie gemeinsam nach Skandinavien gedonnert, 15 Mann und mehr, Dirk auf seiner 900er BMW, später auf einer 1100er Honda Goldwing. In der rauen Natur des großen, weiten Nordens haben sie sich wohl gefühlt.

Zuhause, im steinigen Westberlin, war es enger. Da trat man sich schon mal auf die Füße.

Aber er habe sich nur mit Rockern geschlagen, nie mit Unbeteiligten, und es ging „nie um Larifari“. Worum ging es? „Um Gerechtigkeit.“ Wie sah der Mensch aus nach der Schlägerei, wegen der er eingebuchtet wurde? „Na ja, ich bin Ringer, Boxer, Gewichtheber  – und Metzger. Kannste dir vorstellen, wie der aussah.“ Ich sende Fragezeichen. „Der war Matsche.“ Mir rauscht ein Bild durch den Kopf: Rübezahl hinter der Theke beim Bearbeiten von Frischfleisch. Anschließend mache ich mir Sorgen um den Fortbestand unserer bisher herzlichen Nachbarschaft. Ich frage: Hat der Typ bleibende Schäden davongetragen? „Nee.“ Der habe auch gewusst, warum er sich was einfing. „Ich war im Recht. Jedenfalls aus damaliger Sicht.“

Später hat er noch ein Jahr wegen Meineids gesessen, weil er einen Rockerkumpel nicht verpfeifen wollte. Damals hätten sie ja noch alles untereinander geregelt, da habe man sich vertraut, ein Wort und ein Handschlag genügten. Heute würde man alles mit Anwälten und Verträgen regeln – findet er schwierig. Dann verschwindet er mit seinem karierten Einkaufsroller im Treppenhaus, schleppt ihn mit seiner lädierten Hüfte nach oben und überlegt, wie er die Engelstrompeten mit einem Sicherheitsnetz auffangen könnte.

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